150 Jahre Feuerwehr Bienrode
Von Ledereimern, Exerzierregeln, Tragkraftspritzen, Luftschutz und Hydranten
Von Uwe Day, Stadtteilheimatpflege Bienrode
Feuerwehr-Geschichten sind notwendigerweise auf „Feuerwehrgeschichte“ konzentriert. Sie sind als historische Leistungsbilanz angelegt: Einsätze und Ausrüstungen werden aufgezählt, Namen und Dienstränge von Männern aneinandergereiht und ihre Heldentaten erzählt. Dadurch drängt sich der Eindruck auf, als sei all das in einem geschichtlich luftleeren Raum passiert, als hätten „Spritzenhäuser“ und Löschgeräte auf einer Art „grüner Wiese“ gestanden und Feuerwehrleute ohne gesellschaftlichen Bezug zu ihrem Ort und ihrer Zeit gehandelt. Die Bienroder Feuerwehr-Chronik von 1974 ist eines von vielen Beispielen dieser Gattung; vor allem, wenn archivalische Lücken als Grund dafür genannt werden: „Die Aufzeichnungen über Bienrode und seine Feuerwehr sind sehr spärlich; die Protokollbücher bis zum Jahre 1937 sind leider durch die Kriegswirren verlorengegangen.“[i] Daher beginnen geschichtliche Rückschauen nicht selten mit Leerstellen.
Diese Feuerwehrgeschichte folgt einem anderen Ansatz: Die Feuerwehr Bienrode ist darin zu lesen als Spiegelbild von dörflichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Lücken aus der schriftlichen Überlieferung der Feuerwehr werden ausgeglichen, indem die überlieferten Bestände und Informationen stärker verbunden werden mit den „großen“ historischen Erzählungen, durch Kontextualisierung der Wissenschaftsliteratur. Dadurch ergeben sich neue Betrachtungsweisen auf die Geschichte einer Feuerwehr, um „Feuerwehrgeschichte“ als eine Form der Ortsgeschichte erfahrbar und verständlich zu machen. Bienrode erlebte seit 1866 massive Veränderungen – die sich mal zögerlich, mal schubweise – auf den Ort auswirkten. Die Feuerwehr musste im Umgang mit diesen Ereignissen und Entwicklungen außerhalb von Feuerwehrgerätehäusern handeln. Dennoch steht die Feuerwehr mitten im Ort, genauso wie die Menschen in den Uniformen an den Löschgeräten mitten in der dörflichen Gesellschaft standen und stehen. Feuerwehren waren und sind ein Ergebnis des technologischen, gesellschaftlichen und politischen Wandels. Sie mussten auf diese Entwicklungen reagieren, mit ihr Schritt halten und sich mit ihr arrangieren. Das hohe Tempo in diesen 150 Jahren forderte und überforderte dabei nicht selten die Feuerwehr.
[i] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 29
Um zu verstehen, was sich in Bienrode im 19. Jahrhundert veränderte, muss der Blick über die Dorfgrenzen hinaus gerichtet werden. Bienrode erlebte als Gemeinde des Landkreises Braunschweig im direkten Umland von Braunschweig von 1871 bis 1914 – in der Epoche zwischen Reichsgründung und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs – ein Wachstum, das aus vielen regionalen, nationalen und europäischen Entwicklungen entsprang. Auch wenn diese Zeit aus heutiger Sicht langsam und betulich wirkt, weil Feuerwehrleute mit Lederhelmen und Adler-Wappen auf dem Kopf stocksteif mit riesigen Bärten, Signalhörnern, Pferden und Feuerspritzen in Bauerndörfern auf alten Photographien antiquiert anmuten – diese Zeit wurde von Zeitgenossen ähnlich rasant empfunden wie die heutige Epoche der Digitalisierung und Globalisierung, wie sie seit den 1980er Jahren Fahrt angenommen hat.
„In einer minschenlewedage het sik dat alles eännert, hörte ich einen Alten sagen, der kopfschüttelnd mancher Neuerung gegenüberstand“, schrieb Richard Andree ins Vorwort seiner „Braunschweiger Volkskunde“, die 1896 am Ende eines langen, ereignisvollen 19. Jahrhunderts erschienen war.[i]
Dass sich im Laufe eines Menschenlebens so vieles geändert hatte, war ein Effekt der 1834 eingeführten Agrarreformen im Herzogtum Braunschweig. In deren Mittelpunkt standen „Separation“, „Gemeinheitsteilung“ und die „Ablösungsverordnung“. Dadurch wurde der gemeinsame Besitz der Dorfbewohner („Allmende“) aufgelöst und privatisiert. Hatten die überweideten, mit Disteln überwucherten Gemeindeweiden bei den Dorfbewohnern keine besonderen Mühen ausgelöst, so konnte nun jeder seines eigenen Glückes Schmied werden.[ii] Die Ländereien wurden gegen Ablösekredite bei der „Herzoglichen Leihanstalt“ (heute Braunschweigische Landesbank) privatisiert. [iii] Die Feldgrundstücke wurden aufgeteilt, größer zugeschnitten und schnurgerade, mit seitlichen Feldwegen und Drainagerohren.[iv] Die Agrarreformen veränderten Dörfer und Landschaftsbild massiv, wie Richard Andree zwiespältig feststellte: „Gut, nützlich und notwendig waren diese Änderungen, aber mit ihnen verschwand viel Poesie vom Lande … Statt der Raine, Büsche und Anger endlose, langweilige Spargel-, Rüben-, Kartoffel-, Kornfelder, rauchende Schlote von Zuckerfabriken, statt des säenden und mähenden Landmannes – Maschinen.“[v]
Die Agrarreformen im Herzogtum Braunschweig entsprachen einem Trend in ganz Europa. [vi] Allerdings wurde dies im kleinstaatlich geprägten Deutschland durch zwangsweise „Reformen von oben“ verwirklicht. Das betraf auch die Beseitigung der Handelsschranken für einen deutschen Markt ohne Schlagbäume: Dem Zollverein trat das Herzogtum Braunschweig 1841-1845 bei.[vii] Etwa zeitgleich begann im Herzogtum das Eisenbahnzeitalter mit der Gründung der braunschweigischen Staatseisenbahn 1838 und der verstärkte Ausbau des Landstraßennetzes: Die erhöhte Transportmobilität im Fernverkehr und Nahverkehr war zugleich die Bedingung für die Industrialisierung.[viii] Auch wenn sich das Herzogtum Braunschweig, Preußen und das Königreich Hannover (ab 1866 preußische Provinz) in ihrer Wirtschafts- und Verkehrspolitik immer wieder gegenseitig behinderten[ix], war der Abbau von Handelsschranken und die wachsende Mobilität, „das ‚Zwillingspaar‘ Zollverein und Eisenbahn entscheidend für die Vernetzung der geteilten deutschen Wirtschaftsräume.[x]
Die Industrialisierung im Braunschweigischen Raum hing stark mit der Landwirtschaft zusammen. Bodenreformen und technischer Fortschritt führten zu Ertragszuwächsen in der Landwirtschaft.[xi] Die Massen an Feldfrüchten mussten verarbeitet werden. Davon profitierten Großunternehmen im Maschinenbau, die Mühlen, Zuckerfabriken oder Zementwerke mit Anlagen ausrüsteten.[xii] Allein der Anbau von Zuckerrüben führte zu einem Boom: Die Zahl der Zuckerfabriken wuchs im Herzogtum von 1849 bis 1885 auf insgesamt 31.[xiii] Auch die Konservenindustrie mit „Karges & Hammer“ und „Schmalbach“ verdankte sich dem Aufschwung der Landwirtschaft.[xiv] Die Industrialisierung entfaltete sich zudem im ländlichen Raum: Mühlen wurden modernisiert, und neben Zuckerfabriken rauchten auch die Schlote von Dampfziegeleien und Dampfmolkereien.[xv] Die Zahl der Dampfmaschinen kletterte vom der ersten im Jahr 1832 auf 190 im Jahr 1874 [xvi] und Braunschweig bildete das industrielle Herz des Herzogtums.
Politisch-gesellschaftlich entfaltete sich die Industrialisierung im Zeitalter des Nationalismus und Imperialismus, die sich gegenseitig Impulse verliehen. Mit der Reichsgründung nach dem Deutsch-französischen Krieg 1871 setzte sich in Deutschland anstelle der gescheiterten demokratischen Hoffnungen von 1848 ein nationales, obrigkeitsstaatliches Gesellschaftsmodell durch. [xvii] Die „Kaiserzeit“ war nach dem Sieg deutscher Truppen gegen den „Erbfeind“ Frankreich äußerlich geprägt von nationaler Begeisterung und Untertanen-Geist, von Symbolen der Stärke wie Reichsadler, Pickelhauben, Uniformen, Märsche, militärische Umgangsweisen, Befehlston, Feste und Gedenkfeiern ausbreitete.[xviii] Innerlich auf der Verwaltungsebene wirkte sich die Reichsgründung durch starke Vereinheitlichungen und bürokratische Vorgaben aus.[xix] Gleichwohl blieben die Menschen im Braunschweiger Land durchaus preußenskeptisch und nahmen umso begieriger Teil am wirtschaftlichen Aufschwung, der ihren „Welfenstolz“ nun grundierte.[xx] Dennoch gärte es: mit der Industrialisierung wuchs die Zahl der Industriearbeiterschaft in Braunschweig, die häufig unter miserablen Wohnverhältnissen lebte und vorrangig SPD wählte.[xxi] Doch wegen des Dreiklassen-Besitz-Wahlrechtes in der braunschweigischen Verfassung besaß die Arbeiterschaft wenig politische Mitbestimmung.[xxii] Zudem befanden sich die männlichen und weiblichen Arbeitskolonnen wegen ihrer revolutionären Ansichten als „vaterlandslose Gesellen“ außerhalb der offiziellen Nationalkultur.[xxiii]
Um an dieser Stelle die großen Geschichtsbücher wieder zuzuschlagen: Dies alles waren Ereignisse und Entwicklungen, die Bienrode erst mit jahrzehntelanger Verzögerung erreichten, dann aber umso stärker die Dorfentwicklung bestimmten, weil Bienrode im unmittelbaren Einzugsbereich der Hauptstadt als Industriemetropole und Verwaltungszentrum lag, was auch die Entwicklung des Dorfes und der Feuerwehr stark mitbestimmt haben. Die Separation mit den in der Separationskarte von 1866 eingezeichneten Feldwegen und Straßen bestimmen bis heute das Ortsbild von Bienrode. Quellen zur Feuerwehrgeschichte dieser Zeit, so die Bienroder Feuerwehr-Festschrift, sind aber sehr spärlich. Indes hat der Brandschutz als dörfliche Aufgabe in Bienrode bereits vor der Gründung 1874 eine große Rolle gespielt.
[i] Richard Andree: Braunschweiger Volkskunde, 2. Auflage. Braunschweig: 1901 (Reprint 1979), S. VIII
[ii] Gerhard Schildt: Braunschweig. Die Geschichte einer agrarisch geprägten Region, Hannover: 1997, S. 79, 93-97
[iii] Auch der „Flurzwang“, der den Zugang zu den Äckern regelte und einer produktiven Landwirtschaft im Wege stand, entfiel. Siehe: Gerhard Schildt: Das Herzogtum zwischen Biedermeier und Industrie (1815-1875). In: Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Braunschweigischen Landes vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3. hrsg. v. Jörg Leuschner, Claudia Märtl und Karl Heinrich Kaufhold. Hildesheim: 2008, S. 110
[iv] Schildt Wirtschafts- und Sozialgeschichte 2008, S. 107-117
[v] Andree: 1901, S. 209
[vi] : „Dies wurde im Großen und Ganzen in der Periode zwischen 1789 und 1848 – vor allem unter dem direkten und indirekten Einfluss der französischen Revolution – in allen Gebieten von Gibraltar bis Ostpreußen und von der Ostsee bis Sizilien erreicht.“ Siehe: Eric J. Hobsbawn: Das lange 19. Jahrhundert, Bd. 1 Europäische Revolutionen (1962). Darmstadt: 2017, S. 198
[vii] Karl Heinrich Kaufhold: Wirtschaft und Gesellschaft vor der Industrialisierung. In: Die Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region, hrsg. von Horst-Rüdiger Jarck und Gerhard Schildt, Braunschweig: 2000, S. 728
[viii] S. Jörg Leuschner: Wirtschaft und soziale Situation im Herzogtum Braunschweig vor und während des Ersten Weltkriegs. In: Leuschner, Märtl, Kaufhold: 2008, hier S. 294-300. Vgl. Uwe Müller: Infrastrukturpolitik in der Industrialisierung. Der Chausseebau in der preußischen Provinz Sachsen und dem Herzogtum Braunschweig vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhundert. Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bd. 57, Berlin: 2000, S. 421ff.
[ix] Uwe Day: Regionale Identität(en), Narrative und das symbolisch wertschöpfende Verhältnis von Braunschweig und „Peine-West“. In: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 103, Braunschweig: 2022, S. 11-46
[x] Dieter Ziegler: Das Zeitalter der Industrialisierung. In: Michael North (Hg.): Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Ein Jahrtausend im Überblick. München: 2000, S. 196
[xi]„Die Schwerpunkte der industriellen Entwicklung im Herzogtum Braunschweig, man spricht auch von „Leitsektoren“, lagen in der Verarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten (Zuckerfabriken, Konservenfabriken, Mühlen, Brauereien), im Maschinenbau, im Bergbau und Hüttenbetrieb und in der Rohstoffgewinnung aus Steine und Erden, im Musikinstrumentenbau, in der Textilindustrie, in der Arzneimittelproduktion und in der optischen Industrie.“ Leuschner: 2008, S. 279-280
[xii] Schildt nennt unter anderem die „G. Luther, Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt“, die „Braunschweigische Mühlenbauanstalt Amme, Giesecke und Konegen“ (ab 1875 in Braunschweig) oder die Braunschweigische Maschinenbau-Anstalt (ehemals Seele & Co) und die „Dampfkessel- und Gasmeterfabrik Wilke“. In: Gerhard Schildt: Die Industrialisierung. In: Jarck, Schildt: 2000, hier S. 791ff.
[xiii] Marianne Löhr: Industrialisierungsansätze auf dem Lande von der zweiten Hälfte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. . In: Leuschner, Märtl, Kaufhold: 2008: S, 276
[xiv] Schildt: 2000, S. 793
[xv] Die Industrie-Erzeugnisse des Herzogthums Braunschweig, Braunschweig: 1901, S. 19-31
[xvi] Schildt: 1986, S. 323
[xvii] Michael Stürmer: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918 (1983). Berlin: 1998, S. 71
[xviii] Fritz Schellack: Sedan- und Kaisergeburtstagsfeste. In: Dieter Düding, Peter Friedemann, Paul Münch (Hg.): Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Reinbek: 1988, S. 278-297. Hier S. 278-279
[xix] Klaus Erich Pollmann: Das Herzogtum im Kaiserreich (1871 – 1914). In: Schildt, Jarck: 2000, S. 821-854, hier S. 832
[xx] „So waren Steuern und Abgaben erheblich niedriger, die Straßen in einem ungleich besseren Zustand als in Preußen; Gesetze und Verwaltung entsprachen weitgehend den Erfordernissen und Wünschen der Bevölkerung; der Adel besaß eine eher geringe politische Bedeutung und gesellschaftliche Stellung, Bürgerliche genossen gute Aufstiegsmöglichkeit im Staatsdienst, auf dem Land hatte sich ein unabhängiger und wohlhabender Bauernstand entwickelt; die Staatsfinanzen waren solide, nur ein Viertel der Staatsausgaben wurden aus Steuern erzielt. Zum guten Teil war es diese handfesten Gründe, die ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Stolz der Braunschweiger entstehen ließen.“ In: Wulf Otte: Zwischen Welfenstolz und Preußenmacht. Die braunschweigische Thronfolgefrage 1866-1913. In: Meike Buck, Maik Ohnezeit, Heike Pöppelmann (Hrsg.) 1913 – herrlich moderne Zeiten, Braunschweig: 2013, S. 46-52
[xxi] Bernd Rother: Die Sozialdemokratie im Land Braunschweig 1918-1933, Bonn: 199, S. 20-21
[xxii] Die Folge waren vor allem Streiks: „1910 gab es in der Stadt z.B. 25 Streiks, 1906 mehr als 1000 Streiktage und 6 Aussperrungen. (..) So war nicht vor 1899 eine kosmetische Reform beschlossen worden. Aber auch danach setzte sich die „Bauerstube“, wie die Landesversammlung am Eiermarkt bezeichnenderweise im Volksmund hieß, aus 18 Privilegierten (…) sowie weiteren 30 Abgeordneten zusammen, die nach dem Dreiklassenwahlsystem gewählt wurden. Dabei hatten die 5 % der Wahlberechtigten der 1. Klasse genauso viel Einfluss wie die 15% der 2. Klasse, und beide zusammen hatten einen doppelt so großen Einfluss wie die 80% der Wähler der 3. Klasse.“ In: Pollmann: 2000, S. 839-840
[xxiii] Stürmer, 1998: S. 34ff.
Von einem „ledernen Löscheimer“ mit der Aufschrift „1822 Bienrode“ ist in der 100-Jahres-Jubiläumsschrift von 1974 die Rede: dem „ältesten Requisit“ der sogenannten „Feuerhilfe der Gemeinde Bienrode“. Der Müller von Bienrode, Ernst Müller, habe die Funktion eines „Feuerlöschkommissars“ für die Gemeinden Bienrode und Rühme gehabt. Quellen dazu sind nicht bekannt. [i] Aber die Schilderungen sind plausibel, angesichts der ständigen Brandgefahr in den Dörfern und der Nähe des Müllers zur Schunter und seinem „Mühlenkulk“.
Denn offenes Feuer prägte seit Jahrhunderten den dörflichen Alltag: Als „Feuerstellen“ wurden Wohnhäuser vor mehr als 200 Jahren in den Landesstatistiken geführt. 1802 hatte Bienrode als Bauerndorf „16 Feuerstellen und 97 Einwohner“.[ii] Ein gutes halbes Jahrhundert später 1851 lebten in Bienrode 176 Menschen in 24 Häusern.[iii] Im Durchschnitt wohnten unter einem Dach etwa 7 Menschen, zusammen mit Vieh und landwirtschaftlichen Geräten. Die Häuser waren aus heutiger Sicht feucht, dunkel und kalt, dazu kamen die Gerüche von Menschen und Vieh. In der zentralen Herdstelle hing ein Kupferkessel über offenem Feuer, geheizt wurde mit Torf oder Holz. Und über dem Feuer hing häufig noch Flachs zum Trocknen, aus dem Leinenstoffe gemacht wurden.[iv] Schornsteine waren eher selten und wenn häufig aus Holz. Umluft bedeutete Kälte, die draußen bleiben sollte. Die Böden bestanden aus Feldsteinen mit Holzbohlen darüber und als einzige Lichtquellen flackerten in der dunklen Jahreszeit Talglichter oder glimmende Kienspane, die nur einen schwachen Lichtschein abgaben, aber „brandgefährlich“ waren.[v] Die wenigsten Räume davon waren beheizt.[vi] Um die häusliche Brandgefahr zu verringern, wurden Gemeindebackhäuser errichtet,[vii] in Bienrode entstand es im Jahr 1800.[viii] Und ging die Brandgefahr nicht vom Innern der Häuser aus, waren es gewitterreiche Sommer, die die hauptsächlich mit Reet gedeckten Häuser und Scheunen bedrohten.[ix]
Um Gebäude vor vernichtenden Bränden zu schützen, bedurfte es einer wirksamen Feuerverhütung, die von der Bevölkerung gelebt werden sollte. Dazu hielten es aufgeklärte Landesherren wie der braunschweigische Herzog Carl I. für notwendig, die Untertanen mit einer Flut von Erlassen daran zu erinnern, dass die „Pflichten der Bevölkerung immer wieder neu eingeschärft werden mussten, um Gewohnheit, Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit und Unverstand zu überwinden.“ Die Pastoren hatten die „Feuerordnungen“ in regelmäßigen Abständen vor der schreib- und leseunkundigen Bevölkerung in der Kirche zu verlesen. Untersagt wurden „feuergefährliche Arbeiten zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Stellen sowie das Tabakrauchen in Ställen und Scheunen“, der „Gebrauch sicherer Laternen“ wurde vorgeschrieben, die Pastoren sollten ab 1770 jeden Brandfall den Kirchenbehörden melden.[x] Während die „Prävention“ auf dem Verordnungswege in die Dörfer kam, erfolgte die „Nachsorge“ auf anderem Wege: über den Abschluss einer Brandversicherung. Die kärglichen Häuser waren aus Sicht der Obrigkeit gleichwohl schützenswerte steuerliche Werte: 1753 ließ Carl I. eine herzogliche Brandversicherungsgesellschaft gründen, bei der Bauern, Handwerker und Unternehmer ihre Immobilien gegen Feuerschäden versichern sollten. Als sichtbares Zeichen einer Versicherung erhielten die Häuser „Assekurationsnummern“ an den Gebäuden.[xi] Mit diesen Nummern erhielten Dörfer zugleich ein Adresssystem.
Das „Brandversicherungs-Cataster des Dorfes Bienrode“ im „Herzoglichen Amt Riddagshausen“ von 1846 bis 1869 umfasste am Ende der Aufzeichnungsperiode 26 Versicherungseinträge mit einer Gesamtversicherungssumme von 34,400 Talern.[xii] Wie Bienrode zur Zeit der Feuerwehr-Gründung aussah, zeigt der Separationsplan von 1866: Das Dorf bestand aus drei Siedlungen: Die Älteste lag in der Nähe der Kirche, eine zweite Siedlung „am Berge“ hatte sich in nördliche Richtung gebildet, mit den „Brinksitzern“, der ärmsten Dorfbevölkerung am Dorfrand („Brink“). Im Ganzen gab es 40 Häuser, Ställe und Scheunen in Bienrode. Die dritte Ausdehnung Bienrodes entwickelte sich von der Mühle bis zum Abzweig nach Waggum (Altmarkstraße). Die Gebäude an der Kirche lagen weiter voneinander verstreut als die Häuser in den anderen beiden Siedlungen. Dort war die Gefahr eines Überspringens von Feuer auf andere Gebäude deutlich höher.[xiii]
Ländliche Gemeinden mussten sich mit eigenem Löschgerät ausstatten, das je nach Finanzkraft der Gemeinden recht unterschiedlich aussah.[xiv] In Bienrode bestand die öffentliche „Feuerhilfe“ demnach aus jenem ledernen Eimer mit der Aufschrift „1822 Bienrode“. Aber ein öffentlicher Eimer für 26 Gebäude im Notfall? Es ist anzunehmen, dass sich die Bewohner selbst mit ledernen Löschwasser-Gefäßen ausgestattet hatten. [xv] Immerhin: Bienrode musste keinen Löschwasserteich anlegen; die Schunter war nahe genug, um im Brandfall eine „Eimer-Kette“ bilden zu können, ebenso wie es auf vielen Hofstellen Ziehbrunnen gab. Zur Alarmierung sollten die Kirchenglocken läuten. Das wurde allerdings im Jahr 1823 zum Problem, als ausgerechnet an der Kirche ein Feuer ausbrach, bei dem Mauerwerk herabfiel.[xvi]
[i] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 29
[ii] Hassel, Bege: Geographisch-statistische Beschreibung der Fürstenthümer Wolfenbüttel und Blankenburg, Bd. 1, Braunschweig: 1802, S. 471
[iii] Statistisch-topographisches Handbuch des Herzogthums Braunschweig, Braunschweig: 1851
[iv] Marianne Elster: „…Feuers-Brünste und Brand-Schade bey Zeiten abzuwenden“. Feuerverhütung, Brände und Brandbekämpfung im Fürstentum Lüneburg. Landwirtschaftsmuseum Hösseringen, Nr. 36, Uelzen: 2009, S. 4
[v] Stephanie Beuster, Johannes Graf: Licht und Schatten. Die Entwicklung der künstlichen Beleuchtung im 19. Jahrhundert in Braunschweig. Braunschweig: 1997, S. 11-22; Vgl. Elster: 2009, S. 7
[vi] Vgl. Gerhard Schildt: Tagelöhner, Gesellen, Arbeiter. Sozialgeschichte der vorindustriellen und industriellen Arbeiter in Braunschweig 1830-1880, Stuttgart: 1986, S. 53
[vii] Elster: 2009, S. 4
[viii] Walter: 1981, S. 30
[ix] Braunschweigische Landes-Brandversicherungsanstalt 1754-1954. 200 Jahre im Dienste des Gemeinwohls, Braunschweig: 1954, S. 28
[x] 225 Jahre LBVA, S. 21
[xi] 225 Jahre Braunschweigische Landes-Brandversicherungsanstalt. Braunschweig: 1979, S. 13
[xii] NLA WO, 126 Neu Nr. 3479, Landesarchiv Wolfenbüttel
[xiii] Vgl. Separationsplan 1861-1867. NLA WO, K, 19075
[xiv] 225 Jahre LBVA, S. 21
[xv] „In manchen Orten war es Vorschrift, dass die Hausbesitzer Handspritzen, Eimer, Decken, Haken und Leitern bereithalten mussten.“ In: 225 Jahre LBVA, S. 21
[xvi] Willy Walter: 950 Jahre Bienrode. 1981, S. 37
Am 2. April 1874 verabschiedete die Braunschweigische Landesversammlung das „Gesetz, das Feuerhülfswesen betr.“, am selben Tag wurde die Ortsfeuerwehr Bienrode gegründet. Bienrode war eine von 20 Ortsfeuerwehren, die in diesem Jahr gegründet wurden. „Die Gründer der Feuerwehr Bienrode konnten nicht ermittelt werden. 1876 gehörte Bienrode mit den Gemeinden Bevenrode und Waggum zum 3. Löschbezirk des Landkreises Braunschweig“, heißt es in der Bienroder Feuerwehr-Festschrift.[i]Fünf Jahre später war sie eine von 327 Freiwilligen Wehren mit annähernd 13.000 Mann im Land. Der Kreiskommunalverband Riddagshausen-Vechelde, zum Bienrode gehörte, verfügte über 67 Freiwillige Feuerwehren mit 1960 Mann, so dass bei Großbränden in Braunschweig innerhalb von zwei Stunden über 74 Spritzen und gut 1700 Feuerwehrleute aus dem Umland herangezogen werden konnten.[ii] Die Bienroder Feuerwehr war von Anfang so aufgestellt, dass sie neben der örtlichen Brandbekämpfung bei Großeinsätzen im Verbund auftreten konnte. Daher dürfte die Ausrüstung der Bienroder Wehr ähnlich wie in den anderen Wehren gewesen sein: Die Erstausstattung bestand aus einer per Handdruck betriebenen Feuerspritze, 2 Schläuchen, 3 „Saugern“, 3 Beilen, 2 Leinen und 13 „Uniformröcken“, „Leibgurten“ und Helmen.[iii]
Beile und Leibgurte hatten sich als Werkzeuge bewährt.[iv] Die entscheidende Neuerung war die neue Feuerwehrspritze mit Schläuchen und Saugern. Nun war es möglich, viel Wasser unter hohem Druck in die Brandstelle zu pumpen und das Feuer aktiv zu bekämpfen, während Löscheimer dazu geeignet waren, Kleinbrände zu bekämpfen oder ein Ausbreiten des Feuers zu verhindern. Die Spritze wurde von 12 bis 20 Mann bedient.[v] Wahrscheinlich war die Bienroder Spritze ein Fabrikat der Firma Metz, da der Vorsitzende des Landesfeuerwehrverbandes – der städtische Branddirektor Friedrich Wilhelm Reuter – bereits zuvor Metz-Spritzen in Braunschweig eingeführt hatte und die Verwendung der Metz’schen Schlauchkupplungen 1874 im Feuerwehrgesetz verankerte.[vi] Die einheitlichen Schlauchkupplungen machten das Vorgehen im Verbund erst möglich: „Auf feuerwehrtechnischem Gebiet war Braunschweig durch die Normierung des Schlauchmaterials (Einheitsverschraubung 1874; Einheitskupplung 1906) anderen Verbänden voraus.“[vii] Und die Handdruckspritze mit „menschlichem“ Motor war eine sinnvolle Kompromisslösung für das dörfliche Löschwesen, nur reiche Kommunen leisteten sich dampfmaschinenbetriebene Spritzen.[viii]
[i] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 29
[ii] Michael Koch: Freiwillige Feuerwehren im Herzogtum Braunschweig. In: Gerd Biegel (Hg.): Kampf gegen Feuer. Von der Nachbarschaftshilfe zum modernen Dienstleistungsunternehmen – zur Geschichte der Berufsfeuerwehr Braunschweig. Braunschweig: 2000, S. 173-174
[iii] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 29
[iv] Biegel 2000, S. 15
[v] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 31
[vi] Brigitt Frielinghaus: Das Feuerlöschwesen in Braunschweig von 1862 bis 1906. In: Biegel: 2000, S.118. Vgl. Gustav Ewald: Die Geschichte der Feuerspritze bis 1945. Stuttgart: 1978, S. 90: In der zweiten Jahrhunderthälfte waren die Firmen Magirus und Metz führend bei der Herstellung handbetriebener Feuerspritzen, Metz stattete ländliche Wehren mit vierrädrigen Spritzen zur Überlandhilfe aus.
[vii] Koch, S.172
[viii] Koch, S. 191-193
Kam in der Gründung und der maschinellen Ausstattung der Wehren die Industrialisierung zum Ausdruck, so prägten militärische Vorbilder die Feuerlöschstrategien. Der Braunschweiger Feuerwehrhistoriker Michael Koch hält fest: „Organisiert wurden die Feuerwehren zur damaligen Zeit ähnlich wie das Militär. (…) Die einzelnen Mitglieder der Wehren erhielten Uniformen und ihren Stellungen entsprechende Rangabzeichen.“ Das galt auch für Training. So wurde „…ein Exerzier-Reglement für die Braunschweiger Feuerwehren auf dem Landesfeuerwehrtag 1893 verabschiedet. Das Reglement schloss sich überwiegend dem militärischen an und war um höchste Präzision bemüht, um so die Effektivität der Einsätze zu stärken.“[i]
Der Deutsch-Französische Krieg hatte 1870/71 gezeigt, dass eine militärische Organisation bei abgestimmten Vorgehensweisen einzelner Gruppenteile ein wirkungsvolles Muster darstellte, um Aufgaben zu verteilen und das Zusammenspiel von „Mensch“ und „Maschine“ zu regeln. Nun wurde das militärische Arbeitsmuster auf das Löschwesen übertragen. In der Bienroder Feuerwehrsatzung von 1912 heißt es:
„§4 Gliederung der Freiwilligen Feuerwehr. Je 6-8 Mann bilden eine Sektion, je 3-4 Sektionen einen Zug. Wenigstens ein Achtel und höchstens ein Drittel der Gesamtmannschaft werden als Steiger eingeübt. Sind weniger als 6 Steiger vorhanden, so werden sie anderen Sektionen zugeteilt. Die Sektion befehligt ein Spritzenmeister, die Sektion ein Obersteiger, den Zug ein Zugführer, die Kompagnie ein Hauptmann. (…) Der oberste Führer (…) führt das Oberkommando über die Freiwillige Feuerwehr (…und) hat für das gehörige Einexerzieren jedes einzelnen Mannes Sorge zu tragen und jährlich mindestens sechs Übungen mit der Feuerwehr abzuhalten…“[ii]
Als „Chargierte“ wurden Feuerwehrleute mit Befehlsrang wie „Spritzenmeister“ bezeichnet. Er befehligte die Löschmannschaft an der Feuerspritze, die ihrerseits versiert mit dem Gerät umzugehen hatte. So heißt es in den Bienroder Dienstvorschriften:
„1. Ein jeder hat sich mit der Spritze und sonstigen Geräten der freiwilligen Feuerwehr nach Kräften vertraut zu machen und bei Erlernung der notwendigen Handgriffe den größten Fleiß aufzuwenden. (…) 5. Ein jeder hat sich im Dienste militärischer Pünktlichkeit zu befleißigen, ist den Chargierten zum unbedingten Gehorsam verpflichtet und hat dem ihn angewiesenen Posten, so lange derselbe nicht unhaltbar wird, nie ohne Erlaubnis zu verlassen. 6. Das Tabakrauchen im Dienste ist nicht gestattet, ebenfalls nicht das Schreien, Lärmen, Singen und Sprechen. 7. Aneignung gefährdeter oder geretteter Lebensmittel ist, selbst im Falle der Erschöpfung, aufs Entschiedenste untersagt.“
„Ehrlichkeit“ und Gesundheit waren Grundvoraussetzungen für die Aufnahme in die Reihen der Wehr, die von vornherein den Männern vorbehalten blieb: „§2. Mitgliedschaft. In die freiwillige Feuerwehr kann jeder unbescholtene, körperlich gesunde männliche Einwohner hiesigen Ortes vom 18. bis 50. Lebensjahre aufgenommen werden.“
Um die Dienstvorschriften einzuhalten, enthielt die Satzung eine Reihe von Sanktionen mit Geldstrafen für unentschuldigtes Fehlen oder Unpünktlichkeit bei Übungen, befohlenen Diensten oder Bränden vor, die von 25 Pfennig bis 2 Mark reichen konnten.
[i] Koch: 2000, S. 172-173
[ii] Satzung der Freiwilligen Feuerwehr Bienrode vom 9. März 1912. Archiv: Feuerwehr Bienrode, S. 2
Als Löschmannschaft agierte die Feuerwehr wie eine militärische Einheit, bei der das Befehlssystem den Rahmen für ein schnelles, abgestimmtes Handeln vorgab. Zugleich war sie ein ziviles Organ, ein „Verein in Uniform“: Die Satzung definierte genossenschaftliche Mitbestimmungselemente und klare, rechtlich überprüfbare Regeln. So entschied die gesamte Wehr per Stimmzettel über Neuaufnahmen. Die „Generalversammlung“ als Vereinsparlament und wichtigstes Mitbestimmungsorgan trat regelmäßig zum Jahresende zusammen oder „nach drei Tagen nach jeder Feuersbrunst, (…) zur Besprechung der dabei gemachten Erfahrungen und Abstellung etwa zu Tage getretener Mängel“.[i] Auf der jährlichen Versammlung entschieden alle Mitglieder über die Neu- oder Wiederwahl der „Chargierten“ und erteilten dem „Kassenführer“ bei korrekten Abrechnungsbüchern Entlastung. Sie wählte in Personalunion Kassenführer und Schriftführer. Im Vorstand saßen der „oberste Führer“, 3 „Chargierte“, dem Schriftführer und dem „Gemeindevorsteher“. Mit dem Gemeindevorsteher in ihren Reihen (nicht selten ein Mitglied) war die Feuerwehr von vornherein als kommunale Institution auf Vereinsbasis gedacht. Der letzte Paragraph brachte den Kern des Ganzen in Erinnerung:
„§11. Nach dem Wahlspruche: ‚Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr‘ kann niemand irgendwelche Entschädigung für geleistete Dienste beanspruchen. Bienrode, den 2. März 1912“.
In der Satzung war dabei stets von „Mitgliedern“ die Rede, nicht von „Kameraden“. Zudem war ein „Ehrengericht“ vorgesehen, das in öffentlicher Sitzung entscheiden musste. Das „Ehrengericht“ bestand aus dem Vorstand und 1 bis 3 von der Generalversammlung gewählten Mitglieder. Das Ehrengericht entschied „bei Streitigkeiten unter Mitgliedern“ und „über Ordnungswidrigkeiten im Dienste“. Die Entscheidungen, „welche in jedem Falle der freiwilligen Feuerwehr bekannt gemacht werden“, sahen gestaffelte Geldstrafen oder im schlimmsten Fall „Ausschluß aus der freiwilligen Feuerwehr“ vor.[ii] Das „Ehrengericht“ zeigt, dass die „Ehre“ als Feuerwehrmann als wichtige soziale Währung im dörflichen „Ehrenamt“ galt, die in Zweifelsfällen vor einem „Ehrengericht“ verhandelt werden musste.
[i] Satzung FF. W Bienrode 1912, S. 4
[ii] Satzung FF. W Bienrode 1912, S. 4
Mit der Reichsgründung 1871 wurden zahlreiche Normen und Regeln vereinheitlicht, um den nationalen Wirtschaftsraum und die Massengesellschaft effektiver zu organisieren. Im braunschweigischen Löschwesen erfolgte dies 1906 bei den Schlauchkupplungen: Die so genannte Storz-Kupplung mit einheitlichen Gewindeformen wurde zur Pflicht gemacht. Vorhandene Kupplungen wurden mit Hilfe von Landeszuschüssen schrittweise ausgetauscht.[i] Dies dürfte in Bienrode spätestens 1909 der Fall gewesen sein, als eine neue Spritze angeschafft werden musste, weil sich die Reparatur der alten nach 35 Jahren nicht mehr lohnte.[ii]
Ein Blick auf Bienrode im Jahr 1910 verrät: Das Dorf hatte sich vergrößert. 1875 zählte das herzogliche Ortschaftsverzeichnis für Bienrode 223 Einwohner, die in 53 Haushalten und 30 Wohnhäusern lebten.[iii] 1910 waren in Bienrode 65 Wohngebäude verzeichnet, mit 373 Einwohnern in 82 Haushalten.[iv] Darunter befanden sich die neue Schule (1896) sowie die beiden Bäckereien Schaper und Wilke, die als feuergefährliche Betriebe entsprechende Bauanträge bei der Kreisverwaltung vorlegen mussten.[v] Die neuen Gebäude waren nun allesamt aus Backsteinen gebaut worden, die sich durch die industrielle Massenherstellung in den Dampfziegeleien der Umgebung Braunschweigs preiswert produzieren ließen.[vi] Und inzwischen hatte der Klang der Industrialisierung auch Bienrode erreicht: Seit Eröffnung der Eisenbahnstrecke Braunschweig-Gifhorn 1894 rollten täglich Dampflokomotiven vorbei.[vii]
Der Stolz der Feuerwehr dürfte das neue „Spritzenhaus“ gewesen sein, das 1904 vor der Kirche gebaut wurde. Um den Standort war zuvor ein Streit zwischen dem Landkreis Braunschweig als Brandschutzbehörde und der Kirchengemeinde entbrannt, die den Bau vor der Bienroder Kirche abgelehnt hatte. Das Löschwesen setzte sich durch: Mit dem Gebäude, das im Dezember 2022 abgerissen wurde, verfügte die Feuerwehr über eine schlichte, multifunktionale Backstein-Doppelgarage, die die Gemeinde vom Waggumer Maurermeister Christoph Gaus bauen ließ. Kostenpunkt: 965,50 Mark. In der zweiten Garagenhälfte wurde der örtliche Leichenwagen geparkt.[viii] Eines fehlte dem Gebäude, das viele andere zeitgenössische Spritzenhäuser besaßen: ein hölzerner Turm, in dem die Schläuche aus Hanf zum Trocknen aufgehängt wurden. Stattdessen wurden die Schläuche an der Südseite der Kirchenturms zum Trocknen aufgehängt. Wann die Kirche ihren Segen dazu gab, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall stellte das Spritzenhaus einen weiteren Schritt auf dem Weg der Modernisierung und Professionalisierung der Bienroder Wehr dar.
[i] Koch, S. 177-178
[ii] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 31
[iii] Ortschaftsverzeichnis des Herzogthums Braunschweig auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1875, Braunschweig 1876, S. 4
[iv] Ortschaftsverzeichnis des Herzogtums Braunschweig auf Grund der Volkszählung von 1910, Braunschweig: 1911, S.4
[v] NLA WO, 126 Neu, Nr. 1633; NLA WO, 126 Neu, Nr. 1634
[vi] Die Industrie-Erzeugnisse des Herzogthums Braunschweig und ihre Fabrikationsstätten, Braunschweig: 1901, S. 19-31, https://doi.org/10.24355/dbbs.084-200911111041-0
[vii] Walter: 1981, S. 44
[viii] Waggumer Echo März 2023, Vgl. 100 Jahre Feuerwehr Bienrode, S. 29
Die Feuerwehr hatte sich durch das Spritzenhaus als eine in Backstein gemauerte öffentliche Institution im bürgerlichen Leben Bienrodes etabliert. Im dörflichen Netzwerk brachte sie als ehrenamtliche Gliederung mit hoheitlicher Aufgabe ein hohes soziales Gewicht auf die Waage. Zudem verliehen „Uniformröcke“ den Feuerwehrleuten eine hohe soziale Autorität in der uniformversessenen, militaristisch geprägten Gesellschaftskultur im Wilhelminismus.[i] Das kam beim Besuch des braunschweigischen Regenten Johann Albrecht von Mecklenburg zum Ausdruck, den Willy Walter schildert: „Im Rahmen seiner Besuchsreisen durch das Herzogtum Braunschweig erschien er am Nachmittag des 17. Juni 1911 in dem mit Girlanden, Fahnen und Kränzen geschmückten Dorf. Das Begrüßungskomitee, das sich vor der Meseckeschen Gastwirtschaft versammelt hatte, bestand aus dem Gemeindevorsteher mit dem Gemeinderat, der Landwehr unter dem Ortschaftsführer H. Schaper, der Freiwilligen Feuerwehr unter ihrem Zugführer H. Balke, dem Gesangverein und seinem Vorstand Gustav Lohmann und den Schulkindern unter Führung des Lehrers Göwecke.“[ii]
Solche Feste waren im nationalistischen 19. Jahrhundert ein wesentlicher Bestandteil der gesellschaftlichen Kultur. Im Gegensatz zu Denkmälern als weihevolle Ausnahme-Orte, zu denen man reiste, um Tourismus mit Staatstreue und Nationalbewusstsein zu bekunden, bildeten festliche Anlässe vor Ort zu offiziellen Terminen Ausnahmen. Der Besuch des Regenten 1911 verbreitete nationale Sonntagsstimmung im Dorf. Dabei vermischten sich zivile und militärische Symbolik, verschmolzen offizielle Lobreden mit den vertrauten Formen von dörflicher Festlichkeit und Geselligkeit. Erst durch diese rituelle Form des Lokalpatriotismus wurde „Nation“ sinnlich vor Ort erlebbar und wirkte in die Gesellschaft zurück, um eine Einheit von Untertanen und Obrigkeit vor Ort herzustellen. So konnten sich „regional“ geprägte Nationalgefühle entfalten; durch die Melange von Musik, Kränzen, Fahnen und ausgewählten Abordnungen wie Landwehr, Feuerwehr, Gesangverein und Schulkindern, die dem Regenten huldigten, ließ sich die Bindung an das große Ganze der Nation verstärken.[iii] Drei Jahre später mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sollte dieses Hochgefühl noch einmal anschwellen, auch im Herzogtum Braunschweig.[iv] Doch gut einen Monat nach Kriegsausbruch wurde der erste Tod eines Soldaten aus Bienrode gemeldet: Heinrich Mohnkopf kam im Alter von 29 Jahren am 29. August 1914 im französischen St. Quentin ums Leben. Bis zum Ende des Krieges 1918 starben weitere 17 Männer aus Bienrode auf den Schlachtfeldern Europas. [v]
[i] Wolfram Wette: Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur, Darmstadt: 2009, 72-75
[ii] Walter: 1981, S. 47
[iii] Alon Confino: The Nation as a local Metaphor. Chapel Hill, London: 1997, S. 125-189
[iv] 1914 … Schrecklich kriegerische Zeiten. Hrsg. Von Wulf Otte, Heike Pöppelmann, Ole Zimmermann, Braunschweig 2014, S. 22-89
[v] Walter: 1981, S. 47
Die Zeit von 1918 bis 1945 war eine aufgewühlte Epoche, die die Kriegsniederlage ebenso einschließt wie die Revanchegedanken der meisten Deutschen. Sie bildeten eine schwere Hypothek für die krisenhaften Jahre der ersten deutschen Demokratie nach 1918 und förderten das Aufkommen des Nationalsozialismus und die örtliche Teilnahme und Teilhabe am NS-System auf entscheidende Weise. In der Konsequenz führte dies in die NS-Rüstungswirtschaft und schließlich zum Krieg und – im Falle Bienrodes – zu Bombenangriffen. Dazu findet sich in der Bienroder Festschrift von 1974 dieser Absatz:
„Unvergeßlich bleiben die vielen Einsätze der Freiwilligen Feuerwehr Bienrode während des 2. Weltkrieges. Es gebührt ihr Danke für all die Bereitschaft, uneigennützige Hilfe und Einsatz ihres Lebens bei allen Bombenangriffen, von denen die Gemeinde Bienrode so schwer betroffen wurde. Weitere Einsätze erfolgten in die nähere und weitere Umgebung Braunschweigs.“[i]
Gut 30 Jahre nach Kriegsende hatte die Gesellschaft noch keinen Umgang gefunden mit der eigenen Schuld am Krieg. Das verschämte Wegschauen und das Lob auf das eigene Heldentum teilte die Bienroder Festschrift 1974 mit vielen Jubiläumschriften dieser Zeit, da eine tiefere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Nationalsozialismus erst noch ausstand; 1974 hätte es bei noch lebenden Akteuren bohrende Fragen nach der eigenen Verantwortung aufgeworfen.[ii] So muss erneut Forschungsliteratur herangezogen werden, um ein dichteres Bild von Bienrode und der Feuerwehr in dieser Zeit zu gewinnen.
Geschichtlich ist die bewegte Zeit von 1918 bis 1933 hauptsächlich mit Krisenerfahrungen und den Auf- und Abschwüngen verbunden, die im Freistaat Braunschweig wie in der gesamten Republik das Leben bestimmten: Hyper-Inflation, wirtschaftliche Erholung, staatliche Notstandsarbeiten wie der Kanalbau, wechselnde Regierungen, dann Weltwirtschaftskrise, das Notverordnungsregime der Präsidialkabinette ohne parlamentarische Mehrheit und der Aufstieg des Nationalsozialismus. Im Freistaat Braunschweig waren die Nationalsozialisten bereits 1930 an einer bürgerlichen Regierungskoalition beteiligt und hatten mit dem Innenministerium eine Schaltstelle besetzt. Durch den Zugriff auf das Polizeiwesen nahmen sie Einfluss auf die innere Sicherheit, konnten so den Boden für das NS-Terrorsystem bereiten und die Abschaffung der demokratischen Gesellschaftsform im Braunschweiger Land beschleunigen.[iii]
Die Nationalsozialisten zeigten in den 1930er Jahren ein zwiespältiges Gesicht. Als „Macht-Bewegung“ versprachen sie der Gesellschaft wirtschaftlich und sozial Jedem Alles, was absolut widersprüchlich sein musste.[iv] Zugleich ging es ihnen darum, auf ihrer politischen Marschroute bis 1935 die demokratischen Fundamente zu erschüttern, ihre Macht zu festigen, politische Gegner und öffentliche Kritik auszuschalten und die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung vorzubereiten. Die krisenhaften Zustände infolge der Weltwirtschaftskrise hatten sie selber mit geschürt. Die Sturmabteilungen provozierten Straßenkämpfe mit sozialdemokratischen Reichsbanner-Gruppen und KPD-Kämpfern und erzeugten durch das traditionelle Massenmedium „Straße“ ein öffentliches Klima der Angst und Verunsicherung. Zugleich befeuerten sie Hassgefühle durch antisemitische und antimarxistische Parolen. 1933 wurde Hitler Kanzler einer Reichsregierung mit bürgerlichen Kräften auf der völkisch-nationalen Seite. Es war der Zugriff zu den „Hebeln der Macht“, die einige Wochen später mit dem Reichstagsbrand in Gang gesetzt wurden, um die Verfassung auszuhebeln und mit Hilfe diktatorischer Vollmachten „wieder für Ordnung zu sorgen“. „Ordnung“ bedeutete: Bis 1935 verfolgten, vertrieben und vernichteten die Nationalsozialisten politische Gegner auf der Linken und Gegner im eigenen Lager wie die Kreise um SA-Chef Röhm oder die Reichswehr-Spitze.[v] Durch örtliche Sondergerichte und einer ständigen Verhaftungsgefahr durch vage Straftatbestände erhielten sie das Klima der Angst aufrecht.[vi] Ab 1935 nahm das Regime die jüdische Bevölkerung ins Visier: Der Entrechtung 1935 folgte 1938 die Verfolgung und schließlich die Deportation und Vernichtung.
Das andere Gesicht des Nationalsozialismus bestimmte jahrzehntelang die familiäre Erinnerung in vielen deutschen Häusern[vii]: Die „fürsorgliche Seite“ des Regimes galt der „NS-Volksgemeinschaft“, also denen, die dazugehören konnten und wollten, was für politisch und „rassisch“ Verfolgte ausgeschlossen blieb. „Volksgenossen“ kamen in den Genuss einer familienfreundlichen Sozialpolitik („Ehestandsdarlehen“, Darlehen für Mittelständler[viii]), sie durften am nationalen Größengefühl durch propagandistisch inszenierte Bauprogramme teilhaben („Reichsautobahn“[ix]), an Versprechen auf eine bessere Zukunft („Volksmotorisierung“[x]) und konnten bescheidene Konsum-Annehmlichkeiten genießen („Volksempfänger“, KdF-Reisen[xi]), die durch die Konjunkturerholung ab 1932[xii] und die erhöhte Rüstungskonjunktur wieder möglich wurden. Diese Anreize in den Vorkriegsjahren führten viele Menschen zur „Gefolgschaft“ des NS-Systems.[xiii] Diese Genüsse gab indes nicht nur für glühende Begeisterung, sondern auch für Anpassung und unbedingten Gehorsam zur „Volksgemeinschaft“, der von NS-Organisationen erwartet und durch Gängelungsmaßnahmen erzwungen wurde. Zugleich versuchte der Nationalsozialismus die Gesellschaft auf vielfältige Weise durch Organisationen wie NS-Frauenschaft, Hitler-Jugend und Jungvolk zu durchdringen.[xiv]
Ab 1936 begann die NS-Regierung mit dem Vierjahresplan die Industrie auf eine Kriegswirtschaft zu trimmen. Von 1933 bis 1939 stiegen die Rüstungsausgaben im Zuge der „Wehrhaftmachung“ um 400 Prozent und umfassten etwa die Hälfte aller Staatsausgaben 1938. Um die Finanzierung der Rüstungswirtschaft geheim zu halten, wurden so genannte Mefo-Wechsel ausgegeben, die vor allen Dingen auf staatliche Schulden fußten und als weitere Geldquelle die Spareinlagen der Bevölkerung abschöpften, die als Staatsanleihen durch Banken und Sparkassen vermittelt wurden. „Wie im Ersten Weltkrieg wäre eine ordnungsgemäße Rückzahlung ohne drastische Steuererhöhungen nur nach einem siegreichen Krieg durch die Ausbeutung anderer Länder und mit Hilfe von Reparationen möglich gewesen“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Gerold Ambrosius.[xv] Genau das passierte nach dem Angriff der Wehrmacht auf Polen und die anschließenden Eroberungsfeldzüge in Europa.[xvi]
[i] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 31
[ii] Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. München, Zürich: 1982, S. 13-87
[iii] Bernd Rother: Der Freistaat Braunschweig in der Weimarer Republik (1919-1933). Hier S. 969-979; Hans-Ulrich Ludewig: Das Land Braunschweig im Dritten Reich (1933-1945), hier S. 981-988. In: Die Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region. Braunschweig: 2000
[iv] Siehe dazu Jörg Leuschner: Die Wirtschaft des Braunschweigischen Landes im Dritten Reich (1933-1939). In: Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Braunschweigischen Landes. Hildesheim: 2009, S. 452-556
[v]Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin: 1986, S. 282-336
[vi]Hans-Ulrich Ludewig; Dietrich Kuessner: „Es sei also jeder gewarnt. Das Sondergericht Braunschweig 1933, Braunschweig: 2000, hier S. 18-31
[vii]Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt: 2005, S. 25-30 u. S.49-76
[viii] Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München: 1997, S. 123-134
[ix] Erhard Schütz, Eckhard Gruber: Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“. Augsburg: 2009
[x] Hans Mommsen, Manfred Grieger: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich. Düsseldorf: 1997, hier S. 53-70
[xi] Peter Reichel: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus. München: 1996, hier S. 157-206; S. 232-254
[xii] Leuschner: 2009, S. 462
[xiii] Inge Marßolek: Der Nationalsozialismus und der Januskopf der Moderne. In: Frank Bajohr (Hg.): Norddeutschland im Nationalsozialismus, [Forum Zeitgeschichte, hrsg. von der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, Bd 9]; Hamburg:1993, S. 312-334
[xiv] Enzyklopädie des NS, 203-219; Arno Klönne: Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner, München, Zürich: 1995, hier S. 14-142
[xv] Gerold Ambrosius: Von Kriegswirtschaft zu Kriegswirtschaft. In: Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Ein Jahrtausend im Überblick. München: 2000, S. 282-350, hier S. 341
[xvi] Ambrosius: 2000, S. 344-345
Der Blick der Zeitgenossen auf den Ersten Weltkrieg war vor allem von den Bildern der zerwühlten Schlachtfelder aus den Stellungskriegen in Belgien und Frankreich geprägt. Militärs und Politiker schauten dagegen angesichts der technologischen Fortschritte im Luftfahrbereich und der Entwicklung von leichten Bombern im Krieg bereits auf einen künftigen „Bombenkrieg“ auf europäische Städte, wie der italienische Fliegeroffizier und Militärtheoretiker Guilio Douhet.[i] Zu den wenigen Feuerwehrleuten und Brandschützern, die dies voraussahen, gehörte der Braunschweiger Branddirektor Fritz Lehmann. Er brachte das Thema „Luft- und Gasschutz für die Zivilbevölkerung“ und „Brandbekämpfung und Feuerverhütung“ auf die Tagesordnung der Braunschweigischen Landes-Feuerwehrtage 1928 in Vorsfelde und 1932 in Blankenburg[ii], worüber die „Braunschweigische Landeszeitung“ berichtete.[iii] 1932 konnte Lehmann unter der neuen Braunschweigischen Regierung von DNVP und NSDAP eine „Luft- und Gasschutzschule“ an der Hamburger Straße und ein „Flugwachkommando/Warnzentrale“, kurz „Fluko/Warze“ am Rande der Innenstadt einrichten.[iv] Als „Braunschweigs ‚Oktoberfestwiese“ betitelte die Braunschweigische Landeszeitung diese Einrichtung: „Ein Vergnügungspark, der nur mit Gasmaske betreten werden darf“.[v] Vorsorge bei einem Gaskrieg und ein Engagement im zivilen Luftschutz standen auch im Mittelpunkt der Kampagnen, die der Reichsluftschutzbund seit 1935 mit Plakaten und Druckschriften fuhr.[vi]
Der Luftschutz wurde räumlich in drei Kategorien eingeteilt. Großstädte gehörten zu den Luftschutzorten I. Ordnung, das Umland als Luftschutzorte II. Ordnung sollten Hilfsaufgaben erfüllen, die weiter außerhalb liegenden ländlichen Gebiete wurden zu den Luftschutzorten III. Ordnung erklärt.[vii] Im September 1935 wurde im Land Braunschweig eine erste landesweite Verdunkelungsübung durchgeführt.[viii] Dass Frauen eine besondere Rolle zukommen sollte, wurde 1936 bei Werbe-Veranstaltungen in Braunschweiger „Hofjäger“ an der Wolfenbütteler Straße bekannt gemacht: „Die Mitarbeit der Frau im Luftschutz, sei es als Luftschutzhauswart, als Hausfeuerwehr, als Laienhelferin usw. verlangt in besonderem Maße Willen, Charakter und technisches Können.“[ix] In der Braunschweiger Innenstadt wurde 1936 mit Luftschutzübungen für den Ernstfall geprobt und darüber öffentlich berichtet. [x] Drei Jahre später war dies keine Übung mehr: Nach dem deutschen Überfall auf Polen und dem Kriegsbeginn titelte die Braunschweiger Tageszeitung: „Fliegeralarm in Braunschweig“.[xi]
[i] Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 1939-1945. Berlin: 2004, S. 25-27
[ii] Andreas Linhardt: Feuerwehr im Luftschutz 1926-1945. Die Umstrukturierung des öffentlichen Feuerlöschwesens in Deutschland unter Gesichtspunkten des zivilen Luftschutzes. Braunschweig: 2002, S. 40-41
[iii] „Luft- und Gasschutzfrage auf dem Feuerwehrtag“. In: BLZ 16.6.32, S. 21. Bestand: Quellensammlung Linhardt
[iv] Linhardt: 2002, S. 73
[v] BLZ, 17.10.33. Bestand: Quellensammlung Linhardt
[vi] Linhardt: 2002, S. 110
[vii] Linhardt, 2002, S. 108
[viii] Linhardt: 2002, S. 92
[ix] Braunschweiger Tageszeitung 13./14. Juni 1936. Bestand: Quellensammlung Linhardt
[x] „Bombeneinschläge“ vor dem Petritor. Eine Luftschutzübung am Sonntagmorgen – Einiges von feindlichen Fliegern und Großfeuer.“ In: Braunschweiger Tageszeitung, 19.10.36. Bestand: Quellensammlung Linhardt
[xi] „Fliegeralarm in Braunschweig. Glänzende Disziplin der Bevölkerung – Fremde Aufklärer verjagt.“ BTZ 09.10.1939. Bestand: Quellensammlung Linhardt
Um vor den durch Fliegerangriffe ausgelösten Feuersbrünsten gewappnet zu sein, musste die Löschleistung gesteigert werden, weshalb die ländlichen Feuerwehren mit Motorspritzen ausgestattet wurden. Fritz Lehmann hatte sich bereits in den 1920er Jahren für die stufenweise Einführung von Motorspritzen in allen Braunschweigischen Landgemeinden ausgesprochen.[i]. Durch das Luftschutzgesetz im Jahr 1935 wurde die gesamte Feuerlöschtechnik nach und nach modernisiert und standardisiert.[ii] Zu den neuen Kraftfahrspritzen gehörte die Kombination von Zugfahrzeug und einer motorgetriebenen Tragkraftspritze, die eine Förderleistung von 800 Litern pro Minute garantierte. Diese Benzin-„Kleinmotorspritzen“ bildeten die Hauptausstattung zahlreicher Freiwilliger Feuerwehren. Die mit Zugfahrzeugen zusammengestellten Kombinationen dienten dazu, um „nach Luftangriffen aus dem Umland betroffener Orte ausreichend Verstärkung heranziehen zu können.“[iii]
Mit dieser Motorisierung war eine neuartige taktische Einteilung von Feuerwehrleuten im Löschangriff verbunden. Ab 1938 wurden „mehrere taktische Dienst- und Ausbildungsvorschriften herausgegeben, die für das gesamte Reich verbindlich werden sollte. Den Anfang machte die Polizeivorschrift 23 „‚Ausbildungsvorschrift für den Feuerwehrdienst‘, I. Teil: Der Löschangriff. Abschnitt B: Die Gruppe.“ Dahinter verbarg sich nach Ansicht des Feuerwehrhistorikers Andreas Linhardt „eine grundlegende Revolutionierung“ der Löschtaktik – die Dreiteilung: „Als kleinste selbständig einsetzbare Einheit wurde eine Löschmannschaft mit einem Führer und acht Mann festgelegt, wobei je zwei Mann nach Funktionen unterschiedene Teileinheiten (Angriffstrupp, Wassertrupp und Schlauchtrupp) bildeten und von einem Maschinisten (gleichzeitig Fahrer) und einem Melder unterstützt wurden. Nach Sicherstellen der Wasserversorgung (Herrichten der Wasserentnahmestelle, Auslegen der Schlauchleitung) sollten alle drei Teileinheiten als Angriffstrupps tätig werden.“ Entwickelt wurde die Taktik des „Dreiteiligen Löschangriffs“ vom Leiter der Provinzialfeuerwehrschule Hannover, Walter Schnell. [iv]
[i] Linhardt: 2002, S. 39. Neben sehr leistungsfähigen „Überlandfahrzeugen“ für lange Wasserförderstrecken forderte er flächendeckende Motorspritzen im ländlichen Raum, die sich die Kommunen in der Weimarer Republik allerdings wegen der Kassenlage nicht zumuten wollten (Linhardt, 68).
[ii] „Damit die fremden Kräfte im fremden Ort unverzüglich eingesetzt werden können, ist es notwendig, daß die Geräteausrüstung aller Feuerwehren bis in das Kleinste einheitlich gestaltet ist. Eine weitgehende Normung der Kraftfahrspritzen, der Leitern, der Hydranten und Standrohre, der Schläuche, Kupplungen und Strahlrohre und der persönlichen Ausrüstung sowie aller übrigen Geräte ist die Voraussetzung für einen derartigen formationsweisen Einsatz der Feuerwehr.“ FVZ 1935, S. 405-407. Zit. nach Linhardt: 2002, S. 114
[iii] Linhardt: 2002, S. 116-118
[iv] Linhardt: 2002, 124
Wurde die Feuerwehr als Löschmannschaft technisch und organisatorisch hochgerüstet, so kam sie als genossenschaftliche Selbsthilfeorganisation ins System der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“, mit der die Durchdringung der Zivilgesellschaft propagiert wurde. Dazu gehörten die Auflösung und Eingliederung von Vereinen und die „Säuberung“ von politisch „unzuverlässigen“ Kräften. Allerdings erfolgte dies bei den Freiwilligen Feuerwehren in einem anderen Rahmen. Sie wurden dem nationalsozialistischen „Polizeiwesen“ zugeordnet. Bereits Anfang 1934 wurden sie mit dem „Gesetz über das Feuerlöschwesen“ zu „Hilfspolizeitruppen“ erklärt.[i] Die Zwangseingriffe wurden von Verbandsvertretern nicht als bedrohlich empfunden, sondern vielmehr herbeigewünscht.[ii] Das bedeutete allerdings auch, dass die für den Nationalsozialismus typischen Zuständigkeitskonflikte, in denen verschiedene staatliche und NS-Verbände um Macht und Einfluss rangen, auf die Freiwilligen Feuerwehren übersprangen. Dort tobten Konkurrenzkämpfe zwischen dem Innenministerium und dem Reichsluftfahrtministerium um Zuständigkeiten, Posten, Gelder und Macht. Im Juni 1936 drang die SS als Führungsorgan des Polizeiwesens in dieses System ein, die polizeiliche Eingliederung der Feuerwehren bekam dadurch eine neue Qualität: Nach der Ernennung des Reichsführer SS, Heinrich Himmler, zum „Chef der Deutschen Polizei“ erließ Himmler das Gesetz über das Feuerlöschwesen vom 23. November 1938. Dadurch wurden die Feuerwehren in einen allumfassenden Polizei- und Sicherheitsapparat eingebaut, zu dem Kriminalpolizei, Geheime Staatspolizei und Ordnungspolizei gehörten. Die Freiwilligen Feuerwehren wurden unter dem Dach der Ordnungspolizei als Hilfspolizeitruppen geführt und den Bürgermeistern als örtliche Polizeiverwalter unterstellt: „Der freiwillige Dienst in dieser Hilfspolizeitruppe ist ein ehrenvoller, opferbereiter Einsatz für die deutsche Volksgemeinschaft“. [iii]Nun waren ein strafferer Führungsstil und Zwänge an der Tagesordnung, die sich unter anderem in repräsentativen Auftritten mit anderen NS-Organisationen äußerten.[iv] Äußerlich sollte dies an den Farben der Löschgeräte zu sehen sein, die nicht mehr rot und dem Symbol des Landes wie dem Braunschweiger Pferd, sondern in Dunkelgrün mit dem Polizeihoheitszeichen ausgeführt werden sollten.[v]
[i] Linhardt: 2002, S. 80, 86
[ii] Linhardt: 2002, S. 91
[iii] Linhardt: 2002, S. 139
[iv] Linhardt: 2002, S. 138-140
[v] Linhardt: 2002, 131
Wie sah diese Zeit in Bienrode aus? Bis 1933 wuchs die Bevölkerung wuchs nur mäßig von 366 im Jahr 1925 (373: 1910) auf 387 Einwohner.[i] Andererseits wurden in den 1920er Jahren entscheidende Weichen dafür gestellt, dass Bienrode vom Bauern-, Arbeiter- und Handwerkerdorf zu einem Vorranggebiet für einen übergreifenden Rüstungskomplex wurde, der mehrere Dörfer und Ländereien umfasste. In letzter Konsequenz dürfte dies dazu geführt haben, dass Bienrode, Waggum und Kralenriede als Ortsteil von Querum im Krieg auf den Landkarten der alliierten Bombenangriffsstrategen erschienen. Die Vorgeschichte reicht ins Jahr 1915 zurück, als die damals zu Bienrode gehörende „Sandwüste“ (zwischen Bienrode und Kralenriede) von der Militärverwaltung als Munitionsdepot für die Fabrikation von Pulver angelegt wurde.[ii] Nach dem Krieg weckte dieses Gelände bei der Stadt Braunschweig Interesse, es als Exerzierplatz für das Militär oder als Gelände für industrielle Zwecke zu entwickeln – gegen den Willen der betroffenen Bienroder Landwirte. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit um Entschädigungen, den das Braunschweiger Gericht 1929 entschied. In dem Urteil wurden die Bauern für 66 Hektar Landverlust mit 233.633 Reichsmark von der Stadt entschädigt, die das Gelände 1934 eingemeindete.[iii] Dieser Akt scheint der entscheidende Impuls gewesen zu sein, um zwei Jahre später, 1936, ein raumübergreifendes Rüstungsgebiet im Norden Braunschweigs zu bilden, das sich von Kralenriede, über Bienrode bis Waggum erstreckte.
Durch die Rüstung, den Bau der so genannten „MIAG-Siedlung“ und des Bastholz-Wohnkomplexes neben der Kaserne sprang die Einwohnerzahl von 387 im Jahr 1933 auf 731 im Jahr 1939 hoch.[iv] Mit dem Bau des Flugzeugmontagewerkes von Luther-Jordan (Werk Bienrode I-III) verwandelte sich Bienrode endgültig zu einem Teil eines militärisch-industriellen Komplexes, der sich von Bienrode, Waggum, über den Flughafen mit den anliegenden Kasernen, dem Flughafen bis zu den Niedersächsischen Motorenwerke erstreckte.[v] Wurden in Bienrode Flugzeuge montiert und gewartet, auf dem Flughafen Waggum eingeflogen, so wurden in den Niedersächsischen Motorenwerken NIEMO Flugzeugmotoren hergestellt.[vi] Insofern erschien der Ortsname „Bienrode“ in den 1940er Jahren auf der Liste der alliierten Angriffsziele.[vii] Bienrodes Heimatpfleger Willy Walter beschrieb dies 1981 für seine Zeit recht unumwunden: „Durch sein Flugzeugwerk nahm Bienrode in dieser Zeit fast den Charakter einer Industriegemeinde an. Hunderte von Pendlern waren hier tätig. Als sich der Krieg ausweitete, wurde das Lutherwerk vergrößert. 1941 und 1943 entstanden weitere Produktionshallen (Halle IV, Halle V, letztere in Stahlbauweise). Seit 1942 arbeiteten in dem Werk auch Kriegsgefangene, ganz überwiegend Franzosen, daneben einige Belgier und Holländer. Für sie wurde eine Wohnbaracke gebaut.“[viii]
[i] Ortschaftsverzeichnis des Freistaates Braunschweig auf Grund der Volkszählung vom 16. Juni 1925, Braunschweig: 1926, S. 4; Ortschaftsverzeichnis des Landes Braunschweig auf Grund der Volkszählung vom 16. Juni 1933, Braunschweig: 1935, S.10
[ii] Walter: 1981, S. 48
[iii] Walter: 1981, S. 50-52
[iv] Ortschaftsverzeichnis des Landes Braunschweig auf Grund der Volkszählung vom 17. Mai 1939 nach dem Gebietsstande vom 1. April 1942, S. 262
[v] Leuschner: 2009, S. 470-471
[vi] Norman Matthias Pingel: Die Kriegswirtschaft im Land Braunschweig 1939-1945. S. 15-59, hier. S. 43-53. In: Gudrun Fiedler, Hans-Ulrich Ludewig: Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig. Braunschweig: 2003. Vgl. Hans Austinat: Der Flughafen Braunschweig-Waggum 1934 bis 1945. In: Arbeitskreis Braunschweiger Luftfahrtgeschichte e.V.: Braunschweigische Luftfahrtgeschichte. Braunschweig: 2010, S. 77-88
[vii] Eckart Grote: Target Brunswik 1943-1945. Braunschweig: 1994, S. 6-8. Vgl. The Bombers Baedekker, Part I., 1944. S.94, https://visualcollections.ub.uni-mainz.de/histbuch/content/titleinfo/454122
[viii] Walter: 1981, S. 54
Die für die NS-Zeit geschilderten Entwicklungen lassen sich an der Bienroder Feuerwehr abbilden. Sie ließe sich auch als Geschichte einer „Tragkraftspritze“ erzählen, die noch heute im Besitz der Bienroder Feuerwehr ist: 1935 bekam die Wehr diese benzinmotorgetriebene Tragkraftspritze von Müller-Döbeln (die bis heute rot lackiert ist und das Braunschweiger Pferd an der Seite aufweist) als Teil der Luftschutzmaßnahmen vor dem Krieg – und sie wurde ins NS-Polizeiwesen eingegliedert.
Einblicke in den Alltag einer Feuerwehr im NS-System der Vorkriegszeit und den Übergang in die Kriegsgesellschaft gibt das Protokollbuch der Bienroder Feuerwehr, trotz vieler Lücken. Darin wurden die Mitgliederversammlungen und Generalversammlungen in den Jahren 1937 bis 1941 in aller Kürze festgehalten.[i] Die Versammlungen wurden monatlich abwechselnd in den Gaststätten „Otte“ und „Mesecke“ abgehalten. Die kurzen Einträge streifen verschiedene Themen von Feuerwehrpflichten, über Ausbildung bis zu Geselligkeit und Freizeitvergnügen. Gerade durch dieses Nebeneinander und die Sprunghaftigkeit zwischen Pflicht und Freuden entsteht ein konzentriertes Bild von der Gesellschaft im Nationalsozialismus.[ii] Die Sprache ist geprägt von starrem Ordnungssinn, rüdem Befehlston und männlich gedrosselter Herzlichkeit, wenn ein „Kamerad“ Glückwünsche zur Hochzeit erhält, Mitglieder wegziehen, austreten und der „Oberbrandmeister“ dem Kameraden „für seine langjährigen treuen Dienste seinen Dank“ ausspricht und diesem „Glück und segensreiche Arbeit“ wünscht (6.2.1937), wenn das „Wintervergnügen“ geplant und besprochen wird oder touristische Gemeinschaftsangebote erörtert werden. Dass Zwang und Erholung als befohlenes Tourismusvergnügen zusammengedacht wurden, zeigt der Eintrag vom 14. Mai 1938 zeigt: „Beschlußfassung über eine Vergnügungsreise: am 2. Juli, Sonnabend, ist eine gemeinschaftliche Reise vereinbart, und zwar eine Wesertour u. (es) ist Pflicht eines jeden Mitgliedes mit Frau daran teilzunehmen“.[iii]
Albert Heine aus dem Haus Bienrode Nr. 56 übernahm 1937 das Amt des Ortsbrandmeisters. Er war auch im Gemeinderat tätig. In seiner Amtszeit lesen sich die Einträge der Schriftführer kürzer, zackiger und unnachgiebiger im Ton. Sie spiegeln wider, wie eine Feuerwehr als Teil des NS-Polizeiwesens Teile der Dorfgesellschaft zu disziplinieren versuchte. Unter Albert Heine als Oberbrandmeister verhängte die Feuerwehr Bienrode auch Sanktionen, die im Dorf für Gesprächsstoff gesorgt haben dürften, weil sie einen prominenten Mitbürger betrafen: Albert Eppers, den örtlichen Kohlenhändler. Dabei ging es seine Passivität an den Aktionen des „NS-Winterhilfswerk“, an dem sich die Feuerwehr zu beteiligen hatte. Die Strafe zielte weniger auf den „Feuerwehrmann“ als vielmehr den „Volksgenossen“ Eppers.
Das „Winterhilfswerk“ entstand als NS-Nothilfeaktion aus der Anfangszeit 1933, um Erfolge im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und den Gemeinschaftsgeist sichtbar zu machen. Zu den Erlösen der Aktion zählten Spenden von Firmen und Organisationen und Gelder aus Haus- und Straßensammlungen „Trotz aller ‚Freiwilligkeit‘ wurde vielfacher Druck und Zwang auf Unwillige ausgeübt, um sie zu Spenden zu bewegen.“[iv] Das „Winterhilfswerk“ blieb trotz der wirtschaftlichen Erholung bestehen und es reichte für die Feuerwehren, an die Pflichten einer Hilfspolizei erinnert zu werden, wie der Bienroder Eintrag von 1937 zeigt: „Am 16. u. 17. Januar 1937 am ‚Tage der deutschen Polizei‘ wird folgendes Programm aufgestellt: Am 17. Januar werden 4 Kameraden eine Geldsammlung für das Winterhilfswerk durchführen. Ferner wird am Sonntag den 17. d. Mts. nachmittags 2 Uhr eine Übung mit beiden Fahrzeugen angesetzt. Als Beitrag für das Winterhilfswerk wird von jedem Kameraden der Wehr 0,5 Mk. gespendet.“[v]
Im Protokollbuch ist für den 5. November 1938 festgehalten, dass Albert Eppers mit sechs weiteren Feuerwehrleuten zur Sammlung des Winterhilfswerkes „bestimmt“ wurde. Dies hatte offenbar bei Eppers keine Wirkung gezeigt. Im Protokoll der anschließenden Sitzung vom 4.12.1938 heißt es kurz: „Der Kamerad Albert Eppers ist wegen allzu vielen Fehlens beim Dienst und wegen Verweigerung zur Sammlung zum Winterhilfswerk ausgeschlossen.“ Der Ausschluss von Albert Eppers erfolgte ohne Ehrengericht, ohne Anhörung. Sie bedeutete eine hochgradige soziale Ächtung und eine Machtdemonstration.
Die Protokoll-Einträge 1937-1941 ergeben hinsichtlich der Vielfalt der Themen das Bild einer Feuerwehr als Teil einer dörflichen Gesellschaft im Nationalsozialismus. Häufig geht es um Regularien, kurze Informationen, Ermahnungen und Dienstpläne. Sie machen deutlich, wie Informationen und Zwänge ins Feuerwehr-System flossen, wie zur rüstungsbedingten Materialknappheit auch die Alltagspflichten der ehrenamtlichen Feuerwehrleute zunahmen. Rundschreiben wurden verlesen, Termine für Übungen und Bezirksversammlungen verkündet. Oberbrandmeister M. berichtete über den Lehrgang der Feuerwehrführer in der Burg Campen, einer NS-Schulungsstätte. Inhalt: Den Oberfeuerwehrmännern wird zur Pflicht gemacht, auf die Schläuche zu achten (6.2.38). Als zweiter Sanitäter wird „Kamerad“ Walter R. verpflichtet, die Anschaffung eines Sandkastens kommt zur Sprache (3.4.1937) „Brandmeister Neddermeier“ las eine Verfügung des Landesfeuerwehrverbandes vor, nach der Feuerwehrführer und Feuerwehrmänner ihre Ämter dem Reichsluftschutzbund bekanntgeben müssen und dem „Vierjahresplan Rechnung tragend sind die Messingkupplungen der alten Schläuche der Sammelstelle abzuführen“ (5.6.1937) Verfügungen mit Hinweisen auf den „vorschriftsmäßigen Anzug“ erfolgen, das „Schlauchlegen“ oder „Verhalten bei Bränden“ (4.12.1937), Einladung der Freiwilligen Feuerwehr Abbesbüttel – „Teilnahme jedes Mitglieds ist Pflicht“ (3.9.1938), oder der Bericht „durch den Oberbrandmeister über die am 6.5. stattgefundene Führersitzung. Die Ausführungen fanden im Allgemeinen reges Interesse, insbesondere die Bewerbung des Wehrsportabzeichens.“ (6.5.1939) Dienstliches fällt knapp aus: „Kurze Kritik des Oberbrandmeisters über die am heutigen Abend von 18:30 bis 20:30 Uhr stattgefundene Wehrübung bei der Mühle in Bienrode“. Mängel werden mit bedrohlichem Ton vorgebracht: „Der Ortsbrandmeister bemängelte scharf die laue Antrittsstärke zu der am heutigen Abend stattgefundenen Wehrübung. In Zukunft muss unter allen Umständen die Antrittsstärke 100% sein.“ (1.7.1939)
Mit Kriegsbeginn wurden die Einträge kürzer, die Kriegsverhältnisse hielten Einzug in die Notizen: „Vereidigung der Wehr. Oberbrandmeister vereidigte 26 Kameraden unter Hinweis auf die dazu erlassenen Bestimmungen.“ (6.4.1940) „Allgemeine Aussprache über die Wirkung und Eigenschaften die von Englischen Fliegern abgeworfenen Brandbomben und Brandplättchen sowie die Brandbekämpfung derselben.“ (2.10.1940) „Verpaßung der Gasmasken findet am Mittwochabend um 8 Uhr im Gemeindebüro statt.“ (2.11.1940) Schon 1941 ist die Situation von Bereitschaftsdiensten geprägt: „Die Bereitschaftskameraden haben von Beginn des Fliegeralarms bis zur Entwarnung auf ihrem Posten zu bleiben, sofern dieselben nicht anderweitig zum Einsatz bestimmt worden.“ (5.4.1941). Bereitschaftswachen sollten aus 4 Trupps mit je 6 Mann bestehen (3.5.1941). Der Übungsdienst wurde trotz zunehmender Kriegslasten bindender: „Dienstfestsetzung. Die Übungen finden bis auf Weiteres jeden Sonntagmorgen um 8 Uhr statt. Der Dienstantritt erfolgt pünktlich und vor dem Gerätehaus. Entschuldigungen, außer Krankheit, gibt es nicht.“ (5.7.1941) Am 6.12.1941 hieß es: „Bericht der Kameraden D. und G. von der Feuerwehr-Schule Celle“. Dies ist der letzte Eintrag im Protokoll zu Kriegszeiten. 1941 übernahm Dachdecker Heinrich Glindemann den Posten von Albert Heine. Über die Umstände ist nichts bekannt. Gut zwei Jahre später erscheinen die ersten Bomber über Bienrode.
[i] Auszüge aus unveröffentlichtes Protokollbuch der Feuerwehr Bienrode, mit Einträgen aus den Jahren 1937-1941 und 1951-1962. Aus Persönlichkeitsgründen sind Nachnamen – bis auf Ausnahmen – anonymisiert.
[ii] Siehe Hans-Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein: Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933-1945, München: 1981
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 14. Mai 1938
[iv] Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München: 1997, S. 807
[v] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 16. Januar 1937
Im Jahr 1944 mussten die Menschen im Braunschweiger gutes Wetter fürchten, denn dann erschienen die alliierten Bomber am klaren Himmel: „Am 11. Januar klärte das Wetter über Zentraleuropa für eine sehr knappe Periode auf, aber lang genug, der ‚Achten‘ zu erlauben, einen schweren Kampfverband zu den Zielen mit der höchsten Priorität der deutschen Flugzeugindustrie zu entsenden“, heißt es in „The Strategic Air Offensive against Germany“.[i] Braunschweig – eines der Rüstungszentrum im norddeutsch-mitteldeutschen Raum – wurde regelmäßig als Ziel von alliierten Bombern angegriffen. Am 11. Januar 1944 wurde eine Bomberflotte aus 663 Maschinen losgeschickt, um Flugzeugwerke in Oschersleben, Halberstadt und „drei verschiedene Werke im Raum Braunschweig unter Leitung der Mühlenbau- und Industrie AG (MIAG)“ zu bombardieren. Da sich die Wetterlage verschlechterte, griffen 139 Bomber Oschersleben an, 52 Maschinen Halberstadt und „nur 47 bombardierten eines der Braunschweiger Ziele, das MIAG-Werk in Waggum, 5 Meilen von der Stadt entfernt.“ Wörtlich heißt es in dem Einsatzbericht: „Zwei der Gruppen, die das Waggum-Werk in der Nähe Braunschweigs bombardierten, brachten je 73 und 74% ihrer Bomben in das Ziel. Die Aufklärung berichtete von sehr schweren Zerstörungen an beiden Werken. (…) In Waggum wurden vor allen Dingen verschiedene große Einrichtungen durch direkte Treffer weggefegt.“ (USSTAF T/M Rpt. 182)[ii] Das Lutherwerk II in Bienrode wurde mit großer Genauigkeit getroffen und drei große Montagehallen zerstört. „Obwohl auch die Vernichtung in den Werkseinrichtungen und Zerstörungen von montagefertigen Flugzeugen und Flugzeugteilen erheblich waren, wird nur von vier Toten berichtet – ein Hinweis darauf, dass die Belegschaft rechtzeitig evakuiert werden konnte“, analysiert der Kriegshistoriker Eckart Grote.[iii]
Aus Sicht der Einwohner Bienrodes erfolgte der Angriff nach Angaben von Willy Walter in der Mittagszeit gegen 12:45. Vier deutsche Arbeiter – der Klempner Friedrich Oswald Politz aus Walle, die Schlosser Albert Kuhberg und Franz Rodewald, der Elektriker Herbert Scherzer aus Braunschweig und der im Arbeitslager lebende französische Zwangsarbeiter Alexis Mignon kamen dabei ums Leben.[iv]
Noch zerstörerischer verlief der Angriff am 8. April 1944, der Ostersamstag, ein sonniger Frühlingstag. Das einzige Ziel an diesem Tag war der Rüstungsschwerpunkt Braunschweig. 190 „Liberator“-Bomber der US-Airforce griffen die Braunschweiger Ziele an, 44 den Werkskomplex zwischen Bienrode und Waggum, 20 Minuten dauerte der Angriff, 116 Sprengbomben und 107 Tonnen Splitterbomben wurden abgeworfen.[v] Aus Sicht von Bienrodes Heimatpfleger wurden zwei Hallen des Lutherwerkes getroffen, im Dorf wurden mehrere Wohnungen und Gehöfte in Mitleidenschaft gezogen. „Die Verluste an Menschenleben waren wiederum beträchtlich: Im Werk starben die Franzosen Roger Godard, Robert Mathieu, Pierre-Jean Bergeret, Joseph Lafitte und Lucien Fourtrel sowie der Holländer Leonardus Moker, dazu aus Bienrode der Schlosser Ewald Arndt und der Mühlenbesitzer Wilhelm Müller.“[vi]
Dass die Zahl der ausländischen Toten höher war, dürfte am Verbot für Zwangsarbeiter gelegen haben, schützende Bunker aufzusuchen. Auch in den nahen Zwangsarbeiterlagern herrschte Angst. Allein in Bienrode, Waggum, Wenden und Querum gab es mehrere Lager. Die beiden größten Baracken-Lager, die zu den NIEMO-Werken gehörten, waren „Rühmerberg“ und „Kralenriede“ mit mehr als 1.000 Menschen – in der Sandwüste, gleich hinter der Autobahn[vii]; dort, wo die Stadt Braunschweig das Gelände gegen den Willen der Bienroder Bauern gekauft hatte. In Bienrode dienten neben der Werksbaracke auch die gemieteten Säle der beiden Gastwirtschaften Meseke und Otte dazu, um dort Zwangsarbeiter unterzubringen.[viii] Die Einwohner Bienrodes waren vor den Bombern in den Bunker im Dorf geflohen (an der heutigen Altmarkstraße), in den Bunker gegenüber vom Friedhof oder zu den Hochbunkern in Rühme und Kralenriede und den Schutzbauten am Flughafen Waggum.[ix] „Bunkerpanik“ der Ankommenden war in solchen Fällen recht verbreitet, an den Eingängen kam es zu chaotischen Szenen.[x]
Aber auch die Angreifer in den Flugzeugen hatten Angst vor den Flugabwehrkanonen, die aus den Flak-Stellungen in Wenden, Querum, dem Eintracht-Stadion und Bevenrode schossen: „Braunschweig an unserer linken Seite hatte eine starke Flakfeuer-Konzentration, 2000 Fuß im Durchmesser darüber. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie eine Maschine da hindurchkommen sollte. Wir selbst treffen nur auf die lichte Konzentration und harmlose Flakwolken im Norden der Stadt. Unser Ziel war ein Flugzeugwerk, untergebracht in einer Halle im Gelände nördlich von Braunschweig. Doch wir verteilten unsere Bomben über Deutschland, viele davon auf einen ganz anderen Bereich. Die Ergebnisse konnten wir nicht beobachten, weil wir zu aufgeregt waren. Welch ein Glück, dass wir die schwere Ladung los waren!“[xi] Die Bomberbesatzungen waren hohem Stress ausgesetzt, es häuften sich die Nervenzusammenbrüche.[xii]
Die Bombenangriffe forderten die Feuerwehren heraus. Die Freiwillige Feuerwehr Rühme fuhr zum Gehöft des Landwirts Mahnkopp und setzte eine Leitung mit zwei C-Strahlrohren und fasste im Einsatzbericht zusammen: „Um 14:40 Uhr wurden wir durch Herrn Ltn. Heller (Wache 4) nach Bienrode eingesetzt. Es brannte dort das Gehöft von Mahnkopp. Wir legten an der Schunter auf dem Mühlenhofe an. Das Feuer, das von mehreren Wehren angegriffen wurde, war bald gelöscht. (…) Um 4:15 Uhr wurden wir dann zum Füllen einer Zisterne im Lutherwerk eingesetzt.“ Das Einsatzformular hielt fest: „Der Brand war im Wesentlichen schon gelöscht, er hatte die Stallungen vollständig und einen Teil des Wohnhauses zerstört. (..) Während des Löschens in Bienrode wurden wir vom dortigen Gruppenführer gebeten, unseren Vorspannwagen zum Transport eines schwer verwundeten Bienroder Einwohners zum Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen, was ich, da das Fahrzeug zur Verfügung stand, einwilligte.“
Beim Verbrauch von Schläuchen notierte der Einsatzleiter „12B“ und „9C“ sowie „1 ½“ „geleistete Pumpenstunden“. Das Formular mit dem Einsatzbericht endete mit den Erfahrungen aus dem Einsatz: „Es wird empfohlen einen kleinen Lieferwagen zum Fahren der nassen Schläuche nach dem Einsatz zu verpflichten. Die nassen Schläuche müssen bislang zwischen den Sitzplätzen des Mannschafts-(Vorspannwagens) verstaut werden, und die Männer haben nachher sehr schlechte Sitzgelegenheit und können sich durch den Luftzug leicht erkälten, zumal sie meistens geschwitzt haben.“[xiii]
Auch die Werksfeuerwehr der Lutherwerke wurde nach mehreren Bombenangriffen eingesetzt.[xiv] Bei Angriffen am 5. August und 2. Oktober 1944 wurden 13 Häuser vollständig oder teilweise zerstört, darunter die Bienroder Mühle und die Auto-Reparaturwerkstatt von Rudolf Göwecke. Noch schwerer waren die Bombenangriffe auf die zu Bienrode gehörende Bastholz-Siedlung, die bei den Angriffen auf das benachbarte NIEMO-Flugzeugmotorenwerk schwer beschädigt wurden. Das Lutherwerk konnte nach den Angriffen nur noch bedingt weiterarbeiten. Die 300 Zwangsarbeiter wurden an andere Orte verlegt. Dafür trafen im Oktober 1944 mehr als 60 italienische Arbeitskräfte ein.[xv] Insgesamt soll Bienrode elf Luftangriffe erlebt haben, schätzt Willy Walter. Enorm muss auch das Bereitschaftsdienst-Pensum der Bienroder Feuerwehrleute gewesen sein, deren Reihen durch die eingezogenen Mitglieder erheblich lichter und älter gewesen sein dürften. Für September 1944 werden für 10 Mann 280 Stunden Bereitschaftsdienst notiert, im Oktober 335 Stunden.[xvi] Es sollte noch ein gutes, halbes Jahr dauern, bis im April 1945 US-Panzer vor Bienrode standen. Zuvor hatten noch Bienroder Frauen Panzer-Gräben ausheben müssen. Die einrückenden US-Truppen umfuhren diese einfach. Am 12. April war der Zweite Weltkrieg für Bienrode zu Ende. [xvii]
[i] Zit. nach Eckart Grote: Target Brunswik. 1943-1945. Braunschweig: 1994, S. 20
[ii] Zit. nach Grote: 1994, S. 22
[iii] Grote: 1994, S. 22
[iv] Walter: 1981, S. 55. Willy Walter schreibt häufig von Kriegsgefangenen. In Deutschland wurden Kriegsgefangene je nach Nationalität und Herkunft in der Rüstung, in der Industrie oder der Landwirtschaft eingesetzt.
[v] Grote: 1994, S. 50-51
[vi] Walter: 1981, S. 55
[vii]Karl Liedke: Gesichter der Zwangsarbeit. Braunschweig: 1997, 90
[viii] Fiedler, Ludewig: 2003, S. 410
[ix] Walter: 1981, S. 55
[x] Müller: 2004, S. 135
[xi] Grote: 1994, S. 49
[xii] Müller: 2004, S. 179
[xiii] Einsatzbericht vom 8. April der Feuerwehr Rühme. Stadtarchiv Braunschweig, Nr. E 37 II 4.4.
[xiv] Aufstellung über die beim Angriff. am 5. VIII 44 eingesetzten Werkfeuerwehren. In: Stadtarchiv Braunschweig Nr. E 37 II 4.4.
[xv] Walter: 1981, S. 56
[xvi] Aufstellung auf der Rückseite eines ins Protokollbuch gelegten Zettels vom 5. 1. 1952, der wahrscheinlich aus einem Rechnungsheft von Schriftführer Max Drewes stammt.
[xvii] Waggumer Echo, April 2025
Nach dem verlorenen Krieg stand Bienrode unter der Verwaltung der britischen Besatzungsbehörden, die die Folgen der Nachkriegslasten zu managen hatte. Im Juli 1945 waren die ersten Flüchtlinge in Bienrode eingetroffen. Im Jahr darauf kamen Vertriebene aus Schlesien, Ost- und Westpreußen, dem Sudetenland, aus Pommern und dem östlichen Brandenburg hinzu. 1948 lebten in Bienrode 1.220 Menschen in 129 bewohnbaren Häusern (1939: 731 Einwohner).[i]
Die Nachkriegszeit war geprägt von eklatanten Mangelerscheinungen und Enge in den Häusern. Als Gemeindeverwalter war 1946 zunächst Robert Schulze bestimmt worden. Wenige Monate später ersetzte ihn Richard Gander. Als Flüchtlingsbetreuer und Mitglied im örtlichen Flüchtlingsausschuss kümmerte sich Kurt Steuer aus Schlesien darum, die vielen Menschen in Häusern unterzubringen.[ii] Da diese Einquartierungen angeordnet wurden, musste es das Zusammenleben von Einheimischen und Vertriebenen aufs Schwerste belasten, wie sich Zeitzeugen erinnern. Angesichts des Zusammenbruchs der Lebensmittel-Versorgung im Braunschweiger Land, das seit 1946 zum Land Niedersachsen gehörte, musste die Wirtschaft täglich improvisieren, zumal sie durch die Nähe zur „Zonengrenze“ den Verlust des mitteldeutschen Wirtschaftsraumes zu verkraften hatte.[iii] Die Menschen im Braunschweiger Land lebten von der Hand in den Mund.[iv]
Die Vertriebenen waren aus Übergangslagern in Mariental und Salzgitter nach Bienrode gekommen und mussten nun in den bewohnbaren Häusern untergebracht werden.[v] Sie machten einen verhärmten Eindruck: Ihre Schuhe, Kleider und Hosen waren zerschlissen und notdürftig geflickt, die Essenrationen wurden auf „Bezugsscheine“ herausgegeben (das System wurde aus der NS-Kriegsbewirtschaftung übernommen). Satt und gesund konnte man davon nicht werden. Die „Schulspeisungen“ im Zuge des „Marshall-Plans“ ab 1947 brachten die Essenskübel mit der Milchpulver-Suppe auch in die Bienroder Schule. Neben der Enge herrschten Kälte und Mangel an Torf, Holz und Kohlenbriketts zum Heizen.[vi] Die Reichsmark, die durch die kriegsbedingte Inflation ihren Wert verloren hatte, eignete sich kaum als Tauschwert. Die Menschen mussten sich selber über Wasser halten: Der Gartenverein Bienrode zählte 1948 als größter Verein 128 Mitglieder. Im Gartengelände an der Dammwiese und an der Waggumer Straße in Nähe des Flughafens wurden Gemüse und Tabak angebaut. Auch Fleisch und Milch sollten auf den Teller: Der während des Krieges 1941 gegründete Tierzüchterverein hatte erheblichen Zulauf, im Ziegenzuchtverein hielten die Mitglieder 100 Ziegen.[vii]
[i] Walter: 1981, S. 57-58
[ii] Gemeindeprotokoll, 14. Februar 1946, Stadtarchiv Braunschweig Bestand G VII 11 Nr. 2
[iii] Gudrun Fiedler, Norman-Mathias Pingel: Vom Nachkriegsboom in den Strukturwandel. Die Wirtschaft der Landes-Region Braunschweig nach 1945. In: Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des braunschweigischen Landes, Hildesheim: 2009, S. 557-570
[iv] Einen Überblick gibt Reinhard Försterling: Die soziale Entwicklung im Braunschweiger Land zwischen Ende des Zweiten Weltkrieges und Beginn des dritten Jahrtausends In: Wirtschafts- und Sozialgeschichte d. braunschweigischen Landes, S. 665-697
[v] In: Försterling: 2009, S. 668. Vgl. Sabine Graf, Gudrun Fiedler und Michael Hermann (Hg.): 75 Jahre Niedersachsen. Einblicke in seine Geschichte anhand von 75 Dokumenten. Göttingen: 2021, S. 38-43
[vi] Uwe Day: Kalte Nachkriegszeit in Bienrode. Frieren, klauen, heizen! In: Waggumer Echo, Januar 2023
[vii] Walter 1981, S. 74
1948 wurde durch die Währungsreform die D-Mark eingeführt, 1949 die Bundesrepublik gegründet. 1950 kam der deutsche Wirtschaftsmotor allmählich in Schwung, nachdem der durch den Koreakrieg ausgelöste Boom in der Stahlindustrie ein tragfähiges Fundament für die Wirtschaft gab.[i] Mit der 1949 gewählten Bundesregierung von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Konzept der „sozialen Marktwirtschaft“ besserte sich die Lage. Durch den von Bundeswirtschaftsminister Erhard versprochenen „Wohlstand für alle“ wuchs auch die Zustimmung zur demokratischen Gesellschaftsform.[ii] Wichtige Gesetze waren unter anderem zwei Wohnungsbaugesetze von 1950 und 1956, die Aufträge in der Bauindustrie auslösten, Arbeitsplätze schufen und durch den neuen Wohnraum die Lage in den Städten und Dörfern entspannten. Dazu kam der Lastenausgleich ab 1952, der für Kriegsverluste und Vertreibung Entschädigung brachte und die Integration stärkte.[iii] Nun fingen Löhne und Gehälter an zu steigen, der Konsum von Lebensmitteln, Haushaltsgütern und die Anschaffung größerer Annehmlichkeiten wie einem Motorrad oder einem Auto nahmen zu. Der Freizeitkonsum wuchs, der Wunsch nach einem „freien Wochenende“ wurde lauter, die Wochenarbeitsstunden sanken zum Übergang in die 1960er Jahre. Zudem verschoben sich Strukturen in der Arbeitswelt: Der Anteil der Industriebeschäftigten und der im Dienstleistungssektor tätigen Männer und Frauen nahm erheblich zu, ihr Anteil in der Landwirtschaft ging dagegen kontinuierlich zurück.[iv] Gegen Ende des Jahrzehnts, das mit hoher Arbeitslosigkeit begonnen hatte, meldete die Wirtschaft Vollbeschäftigung. Nun schloss die Bundesregierung mit anderen europäischen Staaten Verträge ab, um „Gastarbeiter“ als Arbeitskräftereserve für die Wirtschaft anzuwerben. Zugleich vollzog sich diese Geschichte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, der die Region Braunschweig als Zonenrandgebiet besonders erfasste. Wehrmachtskasernen wurden nach 1955 von der neu gegründeten Bundeswehr bezogen
Auch in Bienrode spiegelte sich diese dynamische Zeit wider: 1950 lebten hier 1.244 Einwohner, davon 392 Heimatvertriebene und 62 Zugewanderte aus der DDR. 13 Geschäfte versorgten die Einwohner mit Waren des täglichen Bedarfs, darunter drei Läden, zwei Bäckereien, eine Schlachterei, ein Milchgeschäft. 16 Handwerksbetriebe boten ihre Dienste an. „Seit 1950 ging es wieder aufwärts“, berichtete Ortsheimatpfleger Willy Walter, der nach dem Krieg aus Ostpreußen gekommen war, vom örtlichen Bauboom. Die ersten neuen Häuser wurden 1950 von der Bauaufsicht abgenommen. Bis 1957 entstanden 40 Wohnhäuser, darunter die hauptsächlich von Schlesiern bewohnte Siedlung am Gerhard-Hauptmann-Weg.[v] Und es entstand Platz für eine ganz neue Siedlung: Im Sommer 1948 waren die Luther-Werke auf alliierten Beschluss demontiert worden. Sechs Jahre später kaufte das Stephanswerk, eine Wohnungsbaugesellschaft des Bistums Osnabrück, das ehemalige Werksgelände, um es als Wohnsiedlung von dem Architekten Hans-Manfred Brumme entwickeln zu lassen. Bis 1961 stieg die Zahl der Wohnhäuser in Bienrode auf 291 (zum Vergleich: 1948 – 129). Insbesondere die so genannte „Brumme-Siedlung“, die von dem Architekten Hans-Manfred Brumme im Auftrag des Bistums Hildesheim projektiert wurde, galt als Schrittmacher auf diesem Wege. Die mehrgeschossigen Häuser „am Platz“ entstand in den 1960er Jahren und brachte die städtische Wohnweise nach Bienrode. Die Zeit, in der Familien von einem Haus in ein anderes umzogen, wenn wieder Wohnraum frei wurde, ging dem Ende zu. Mit dem Wachstum bekam Bienrode auch zeitgemäße Infrastrukturen: 1957 erhielt der Ort eine Trinkwasser-Versorgung, die mühselige Arbeit, Wasser aus dem Brunnen auf dem Hof zu pumpen, war passé.[vi] Der Anschluss an die Abwasser-Kanalisation setzte der Zeit der ländlichen Trockentoiletten („Plumpsklo“) ein Ende.[vii] Und mit der Zunahme des Fahrzeugverkehrs wurden die Straßen erneuert: die gut 100 Jahre alte Ära des Kopfsteinpflasters in Bienrode wurde asphaltiert. Die Massenmotorisierung mit vielen Fahrzeugen und hohem Tempo hielt Einzug.
[i] Harm Schröter: Von der Teilung zur Wiedervereinigung (1945-2000). In: North: 2000, S. 351-420, hier S. 364
[ii] Manfred Görtemaker: Kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. München: 2002, S. 70-75;
[iii] Die Bundesrepublik Deutschland. Geschichte in drei Bänden, Bd. 2: Gesellschaft, Frankfurt: 1983, S. 299-308
[iv] Die Bundesrepublik Deutschland. Geschichte in drei Bänden, Bd. 1: Politik, Frankfurt: 1983 S. 238-265
[v] Walter: 1981, S. 63
[vi] Uwe Day: Waschtag in Bienrode – die Wäscheleine als Visitenkarte. Waggumer Echo, Dezember 2023
[vii] Uwe Day: Plumpsklos in Bienrode – von den Härten eines „stillen Örtchens“. Waggumer Echo, April 2022
„Den steilsten Aufstieg erlebte die Freiwillige Feuerwehr im letzten Vierteljahrhundert“, lautete das Resümee in der Festschrift 1974. Dieser Aufstieg verlief freilich nicht in einer einzigen dynamischen Aufwärtskurve, sondern in einer wechselvollen Zick-zack-Kurve. Einerseits war die Entwicklung bis 1962 teilweise mit dem Aufschwung des „Wirtschaftswunders“ verknüpft, andererseits war sie von einem Generationswandel geprägt und einem spürbaren Wertewandel, der der Feuerwehr durchaus Anpassungsprobleme bereitete. So geht der Blick wieder zurück in das Protokollbuch der Feuerwehr Bienrode.
Der erste Protokolleintrag nach dem Krieg stammte vom 21. April 1951. Die „Anwesenheitsverlesung“ verzeichnete 30 Mitglieder. Albert Heine wurde 1952 noch als Kassenführer gewählt, zog sich dann aber zurück. Kleine Neuanfänge bestimmten das Klima nach dem Krieg. „Einige Geräte und Werkzeuge sind nun angeschafft worden. Die Gerätelisten führt der Wehrführer Willi Lühr.“ Neuzugänge wurden verkündet: Horst Weiß und Walter Wilke. Die Wehr wurde in drei Gruppen eingeteilt, die Spritze führte Walter Rademacher in Abwesenheit von Alfred Winter. Die beiden anderen Gruppen übernahmen Herbert Kögel und Horst Bernhardt. Termine gab es zu verlesen: die Bezirksübung in Waggum für die erste Gruppe. Wichtigster Tagesordnungspunkt: „Das 75-jährige Feuerwehrfest wurde einstimmig für 2 Tage festgelegt.“ Schließlich gab es eine Erinnerung mit auf den Weg: „Die Strafe für Fehlen im Dienst wird weiterhin streng durchgeführt, nur Krankheit entschuldigt.“ [i]
Das Jubiläumsfoto von 1951 zeigt 25 Männer. Es gibt einen guten Eindruck von der Alterszusammensetzung der Feuerwehr wieder: Neben älteren Mitgliedern wie Bäcker Hermann Schaper, Max Drewes, Willi Cordes, Albert Meyer, und Heinrich Otte befinden sich darauf Männer mittleren Alters wie Alfred Winter, Willi Lühr, Erich Buch oder Willi Mahnkop und junge Männer wie Horst Bernhardt, Heinz Buch, Gerhard Borchers, Horst Weiß und Herbert Kögel. Zudem zeigt ein anderes Foto die ganz junge Generation mit Hans-Jürgen Rademacher, Günter Homann und Herbert Henschel – altersmäßig eine gute Mischung. Indes lässt das Protokoll vom September 1951 Interessenkollisionen erkennen: Die Mitgliederversammlung stimmte zwar einer „Fahrt ins Blaue“ zu. Aber die Mitglieder zogen andere Dinge den „Feuerwehrpflichten“ vor, was „Wehrführer“ Willi Lühr vor Probleme stellte: „Willi Lühr ermahnte nochmal alle sich mehr am Dienst zu beteiligen“. Die Mahnung sollte sich in den kommenden Jahren wie ein roter Faden durch viele Protokollberichte durchziehen: Auf der einen Seite betrieb die Mitgliederversammlung viel Aufwand dafür, die Feuerwehr als geselligen Verein zu stärken, das Wintervergnügen und die Fahrten ins Blaue zu planen. Auf der anderen Seite wurde Zurückhaltung bei zusätzlichen, zeit- und kostenintensiven „Feuerwehrarbeiten“ beklagt: „Der Wehrführer verliest die einzelnen Rundschreiben, darunter die Fachausstellung der Rote Hahn in Celle, er bat darum sich restlos an der Fahrt zu beteiligen. Es meldeten sich nur einige Kameraden, der Meldeschluß für die Fahrt nach Celle wurde auf den 5.9.1951 bestimmt. Der Fahrpreis beträgt für hin und Rückfahrt beträgt 4 D.M.“
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 21. April 1951
Das Pflichtpensum kam in der Mitgliederversammlung im August 1952 zu Ausdruck, da sich darum eine Debatte über aktive und passive Feuerwehrarbeit entzündet hatte: „6 Übungen müssen jährlich von jedem passiven Kameraden ausgeführt werden. Nach längerer Beratung wurde beschlossen ‚Wer Feuerwehrkamerad sein will, muß auch an den Übungen teilnehmen und seine Beiträge ohne Strafgelder zahlen‘.“ Für 1953 enthält das Protokollbuch nur Aufzeichnungen von drei Versammlungen, wobei ein Sitzungsprotokoll das angespannte Binnenklima der Wehr auf den Punkt brachte: „Der Wehrführer bemängelte die säumige Beteiligung der Mitglieder an den Übungen und bezeichnete seine Mitglieder als einen Sauhaufen. Alle Mitglieder waren versammelt und waren mit diesem Ausdruck nicht zufrieden. Die Versammlung wurde nach 10 Minuten wieder geschlossen. (…) Die Versammlung wurde zum 2.ten Male um 22 Uhr eröffnet. Besprochen wurde die Bezirksübung am nächsten Sonntag in Bienrode.“[i]
Die Generalversammlung am 3. April 1954 war offensichtlich von starken Spannungen geprägt: „Der Wehrführer stellte die Vertrauensfrage. Nach heftiger Debatte ließ Kamerad Otto Schaper die Wehr durch Handerheben abstimmen. Die Wehr sprach dem Wehrführer, bis auf eine Gegenstimme, das Vertrauen aus.“ Es fehlte nicht an Versuchen, das Klima zu entspannen: „Kam. Heini Otte sprach den Wunsch aus von allen Seiten mehr Kameradschaft zu pflegen.“[ii] Die Stimmung blieb angespannt. In der Sitzung im Dezember mit 20 Männern entwickelten sich so hitzige Debatten, dass der Gastwirt als Feuerwehrmitglied für Mäßigung warb: „Kamerad Bertram, der zum Schluss um das Wort gebeten hatte, sprach den Wunsch aus: In Zukunft die Versammlungen in ruhiger und sachlicher Form durchzuführen, um solche Auseinandersetzungen wie sie heute vorgekommen sind, zu vermeiden.“[iii]
Deutlich wird, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Die 1950er Jahre waren stark von privater Aufbauarbeit und vom Rückzug in die Privatsphäre bestimmt. Diese musste zwangsläufig in Konflikt mit der als „Pflicht“ definierten ehrenamtlichen Arbeit der Feuerwehr geraten. War diese in den 1930er Jahren noch als Pflicht an der „Volksgemeinschaft“ von oben aufgezwungen worden, bekam die „Pflicht“ am Gemeinwesen in den 1950er Jahre Konkurrenz: die Feuerwehr stellte nun nur noch eine Position auf dem Zeitkonto eines jeden einzelnen Feuerwehrmannes dar. Dabei gingen von der kontroversen Generalversammlung auch Impulse und Neuerungen aus. Gerhard Borchers rückte als Schriftführer und Kassenführer in den Feuerwehrvorstand auf. Auch Ideen für neue Formen des Übens kamen auf: „Gruppenführer Kögel macht den Vorschlag die Übungen mal auf andere Art durch zu führen. Kam. Heini Otte gab sein Einverständnis, daß in seinem Hause eine Trockenübung zur Bekämpfung eines Dachstuhlbrandes durchgeführt werden kann.“ Ein neu erstellter „Rohrbrunnen für Feuerlöschzwecke“ wurde abgenommen: „Er ergab eine Höchstleistung von 700 Ltr. Min.“ Und: die Einladungen zu den Stiftungsfesten der Feuerwehren Grassel und Veltenhof wurden einstimmig angenommen. Feier-Traditionen verpflichteten!
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. Juni 1953
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, Generalversammlung 3. April 1954
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. Dezember 1954
Die Ausstattung und die Anforderungen, die die Bienroder Wehr an ihre Ausrüstung stellte, sprechen Bände für diese Zeit des nachkriegsbedingten Stillstands. Bis zum Übergang in die wohlhabenden 1960er Jahre waren die 1950er Jahre von bescheidenen Ausgaben für kleine Dinge bestimmt. 1951 stand Schlauchmaterial ganz oben auf der Liste. Zudem wurden Fackeln, ein Sanitätskasten und ein Signalhorn für „das Fahrzeug“ (offenbar die Tragkraftspritze) beschafft und ein Sanitäter benannt werden.[i] Und: „Taschenkalender sollte jeder Gruppenführer besitzen.“ (8.12.51) Auf der Versammlung im April 1952 ging es darum, sich einen Überblick zu verschaffen: „Eine neue Bestandsaufnahme der Gerätschaften + Uniformen soll vorgenommen werden. Ebenso eine Überholung der Maschine. Angeregt wurde die Anlage eines Schachtbrunnens.“[ii] Auch die Alarmierung war aus der Zeit gefallen: 1954 bliesen zwei Hornisten den Alarm, zwei Jahre später wurden drei „Feuermeldestellen“ eingerichtet: „In jeder Meldestelle befindet sich ein Horn.“[iii]
Das größte Problem bereitete allerdings die seit 1935 betriebene Motorspritze, die in die Jahre gekommen war. Dabei war eine zuverlässige Pumpe, wie die Einsätze im Zweiten Weltkrieg gezeigt hatten, für lange Schlauchstrecken unerlässlich: Bei der Bezirksübung 1953 in Bienrode an der alten Mühle stand die „Wasserversorgung auf der langen Wegstrecke“ zum Transformatorenhaus im Vordergrund.[iv] Im September 1954 erfolgte die eindeutige Meldung: „Bei der letzten Übung wurde festgestellt, dass die TS8 nicht mehr voll einsatzfähig ist und mit dem Gerät kein 100%ger Feuerschutz mehr übernommen werden kann, wurde der Wehrführer beauftragt, den Gemeinderat auf die Dringlichkeit der Neuanschaffung eines neuen Feuerschutzgerätes aufmerksam zu machen.“[v] Auch in den darauffolgenden Monaten kam das Thema „TS8“ auf die Tagesordnung. Im März 1956 bekam Willi Lühr den klaren Auftrag von der Versammlung: „Der Brandmeister soll an den Rat der Gemeinde einen Antrag betr. Neuanschaffung eines neuen Geräts stellen. Über das zu wählende Fabrikat sollen Erkundigungen eingezogen werden.“[vi] Im Mai wurden die Nachrichten über die Zuverlässigkeit der 20 Jahre alten Motorspritze alarmierender: „Kamerad Kögel berichtete von der letzten Übung, bei der wiederum festgestellt wurde, das mit der TS8 keine Verantwortung für eine Brandbekämpfung mehr übernommen werden kann. Der Wehrführer gab bekannt, dass in einem diesbezgl. Schreiben die Gemeinde bereits davon unterrichtet wurde.“[vii] Einen Monat später wurde die Versammlung von der Nachricht erlöst: „Der Wehrführer gab bekannt, daß ein neues Feuerlöschgerät, Fabrikat Ludwig, gekauft wird. Dieses soll noch in diesem Monat geliefert werden.“[viii]
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. August 1952
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. April 1952
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 1. September 1956
[iv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. Mai 1953
[v] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. September 1954
[vi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 22. März 1956
[vii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Mai 1956
[viii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. Juni 1956
Zugleich sprach der „Kalte Krieg“ im Ost-West-Konflikt aus den Versammlungen. Nach einer nächtlichen Alarmübung im Herbst 1952 wurde, „über eine schnelle Alarmübertragung debattiert. Dieselbe soll schnellstens beschafft werden.“[i] Noch mussten Feuerwehrleute mit Signalhörnern durch den Ort ziehen und Alarm blasen – oder zur Versammlung. Eine Alarmsirene wurde gefordert. Doch es vergingen fünf Jahre, bis Bienrode eine Sirene hatte: 1957 stellte der Gemeinderat von Bienrode einen Antrag auf eine Sirene noch zurück, bewilligte aber 100 Meter B-Schläuche und einen „Handfeuerlöscher“.[ii] Ende des Jahres 1958 erfuhr die Versammlung, dass die Sirene „bis auf kleine Komplikationen“ auf dem Dach der Schule eingebaut sei. Am Silvesterabend wurde das neue Jahr in Bienrode mit Sirenenalarm begrüßt.[iii] Im Jahr darauf wurde sie auf ihre Kriegstauglichkeit untersucht: „Unsere Sirene soll überprüft werden, ob sie den Bestimmungen des Luftschutzes entspricht. Die Überprüfungskosten werden vom Luftschutz bezahlt.“[iv] Im Jahr 1961 wurde die Sirene ab April zu den monatlichen Versammlungsabenden für 12 Sekunden in Betrieb genommen[v], bereits ein Jahr später wurde sie durch eine neue ausgetauscht.[vi]
Inzwischen reichten die landes- und bundesbehördlichen Vorgaben für einen modernen Brand- und Luftschutz erhöhte Ansprüche an die Wehren herunter, die nun wesentlich stärker gefordert wurden. Das führte indirekt auch zu einem Führungswechsel in der Bienroder Wehr, der 1957 vollzogen wurde. Vorausgegangen war der enttäuschende Rückblick auf eine Alarmübung am Tag vor Heiligabend 1956: Im Januar-Protokoll hieß es: „Der Wehrführer gab einen kurzen Bericht von der Alarmübung am 23.12.56. Hierbei hat sich die Alarmierung wieder als ungenügend erwiesen.“[vii] Im Februar 1957 verhandelte das Ehrengericht in einer gut einstündigen Sitzung das Rücktrittsgesuch von Willi Lühr, das einstimmig angenommen wurde. Zugleich wurde sein Stellvertreter Gerhard Borchers als Nachfolger vorgeschlagen.[viii] Auf der Generalversammlung im März 1957 wurde der 29 Jahre alte Borchers in geheimer Wahl zum neuen „Wehrführer“ gewählt – von 21 Anwesenden. Nun war der Generationswechsel in der Spitze eingeleitet worden.
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 8. Dezember 1952
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. September 1957
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 3. Januar 1959
[iv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. August 1960
[v] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 8. April 1961
[vi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 10. Februar 1962
[vii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Januar 1957
[viii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 15. Februar 1957
Die Protokollberichte von 1957 bis 1962 lassen eine starke Professionalisierung der Bienroder Wehr in Leitung und Mannschaften erkennen. In der Führungsspitze brachten nun Angestellte ihre kaufmännischen oder verwaltungstechnischen Kenntnisse in die Leitungsarbeit ein, um Haushaltspläne für die Gemeindeverwaltung aufzustellen. Das „Kommando“, wie es seit 1958 hieß, musste den Jahresetat langfristig planen: „Es wurde ein neuer Tragkraftspritzenanhänger beantragt. Sobald die nötigen Mittel vorhanden sind, soll auch dieser angeschafft werden.“[i] Die Budgets beinhalteten laufende Ausgaben und Neuanschaffungen, die sich für das Jahr 1961 insgesamt auf gut 3.900 D-Mark beliefen. Das „Wirtschaftswunder“ kam offensichtlich bei den Kommunen und den Feuerwehren an, wie der Bericht einer Sitzung der Gemeindebrandmeister 1961 zeigt: „Bei der Sitzung wurde angeregt, dass die Gemeinden sich Löschfahrzeuge anschaffen sollten, da ein großer Teil der Summe von Zuschüssen gedeckt werden kann.“[ii]
Die Feuerwehren wurden nun technisch aufgerüstet: Die Gerätschaften wurden wertvoller und bedurften permanenter Pflege und Wartung und die Zusammenarbeit mit Polizei und anderen Behörden musste gelingen. Nicht zuletzt galt es neue Vorgaben in den Feuerwehrdienst einzuarbeiten: 1958 erschien im Zuge der Niedersächsischen Gemeindeordnung eine neue Feuerwehrsatzung mit Unfallvorschriften als bedeutender, versicherungstechnischer Neuerung. Auf der Jahreshauptversammlung 1961 stellte Gerhard Borchers diese vor. Für die Einweisung in die Unfallvorschriften wurde Schriftführer Horst Bernhardt als Verantwortlicher gewählt. Den Ausschlag dafür hatte der Unfall eines Feuerwehrmannes in Bienenbüttel nach einer Alarmübung im Jahr 1960 gegeben. Daraus entwickelte sich ein Präzedenzfall, der bis nach Bienrode nachwirkte: „Ferner müssen Unfallverhütungsvorschriften bzw. Hinweise angebracht werden Der Wehrführer verlas einen Zeitungsartikel über den Fall Bienenbüttel, hierüber wurde in der Versammlung am 5.11.1960 stark diskutiert.“ [iii] Weiterhin besagten die neuen Unfallverhütungsvorschriften, dass B-Strahlrohre abstellbar sein müssen. Und: „Bei Gummistiefeln ist die Überfallhose über die Stiefel zu tragen. Wenn Schlauchbrücken ausgelegt werden, muss immer ein Feuerwehrmann die Überfahrt bewachen, damit keine Schäden an dem darüberfahrenden Fahrzeug entsteht(en).“[iv] Für die Wartung der technisch anspruchsvolleren Technik bedurfte es vor allem Mitglieder mit Erfahrungen aus technischen Berufen in der Industriearbeit. 1959 endete ein anderes Kapitel historischen Brandschutzes: Bienrodes Straßen erhielten Namen, die Zeiten der „Brandkassen-Nummern“ war zu Ende gegangen.
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. September 1959
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. Oktober 1961
[iv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. Oktober 1961
Auch die Massenmotorisierung schlug sich in den Protokollen nieder, wenn Gerhard Borchers in der April-Versammlung 1960 einen Bericht „über Absperrmaßnahmen betreffs Verkehrsregelung bei Wettkämpfen“ vorlas.[i] Technische Neuerungen lösten lebhafte Debatten aus: „Der Wehrführer gab einen kurzen Bericht über die verschiedensten Feuerlöschspritzen und Fahrzeuge. Vom Gemeinderat wurde angeregt, dass unsere Zusatzspritze im Wasserwerk ausprobiert werden soll. Hierüber wurde stark diskutiert.“[ii] Zudem entstanden neue Aufgaben: Mit dem Trinkwassernetz erhielt Bienrode unterirdische Hydranten, die seit 1958 regelmäßig kontrolliert werden mussten.[iii] Dass die Wehr kommunale Aufgaben übernehmen sollte, lehnte die Versammlung strikt ab: „Die Durchspülung der Abwasserleitung und Hydranten soll von der Wehr gegen Entlohnung durchgeführt werden. Ferner soll das Feuerlöschwesen in der Brummesiedlung überprüft werden.“[iv]
Neue Technik, neue Vorschriften: Auf die Feuerwehrmitglieder kam viel neues Wissen zu, das sie sich in ihrer freien Zeit selbst aneignen sollten. Ein hochgestecktes Ziel, wie im Protokoll ernüchternd festgehalten wurde: „Kamerad Kögel sprach die Kameraden an, etwas mehr Interesse an unserer Feuerwehrzeitung zu zeigen, da die Zeitungen am Versammlungsschluss häufig auf den Tischen herumliegen. Wir diskutieren über die Erste Hilfe.“[v] Das Kommando musste zu einem pädagogischen Trick greifen: „Der stellvertretende Wehrführer verlas einen Abschnitt aus der Feuerwehrzeitung mit dem Titel ‚Selbstschutz im Sinne der Nachbarschaftshilfe‘.“[vi] Die Treffen glichen nun kleinen Kursen, bei denen als Impuls Artikel vorgelesen und anschließend besprochen wurden. Dem Medium Film dagegen standen die Feuerwehrleute uneingeschränkt offen gegenüber, Fernsehgeräte gab es längst noch nicht in allen Haushalten. So wurde im Januar 1961 in der Versammlung angeregt, „einen Filmvortrag bei uns abzuhandeln.“[vii] Einen Monat später stellte Schriftführer Horst Bernhardt zufrieden fest: „Kamerad Gerlach von Wendhausen gab einen Filmvortrag, der von den Kameraden mit Begeisterung aufgenommen wurde.“[viii] Es gab auch Themen, bei denen sich das Interesse von selbst einstellte: „Kamerad A. Meyer hatte einen kleinen Zeitungsausschnitt mitgebracht, der uns sehr zu denken gab. Denn in diesem Ausschnitt stand etwas über die Promillegrenze. Danach ist ein Feuerwehrmann nur einsatzfähig bis zu 1,5 Promille, hat er mehr getrunken, haftet keine Versicherung mehr. Nach der Diskussion über diesen Artikel schloss der Wehrführer um 22:55 Uhr die von 21 Kameraden besuchte Versammlung.“[ix] Gerhard Borchers suchte zudem Artikel aus, die den Nerv der Zeit und das Herz der Feuerwehr trafen: „Der Wehrführer verlas einen Zeitungsartikel aus unserer Feuerwehrzeitung mit dem Titel ‚Nachwuchssorgen‘.“[x] Zugehört hatten an diesem Abend 15 Feuerwehrleute.
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. April 1960
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. März 1961
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Dezember 1958
[iv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. September 1959
[v] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 8. April 1961
[vi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 1. Juli 1961
[vii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, Jahreshauptversammlung 7. Januar 1961
[viii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. Februar 1961
[ix] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. November 1960
[x] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 3. Juni 1961
Wie in jedem Jahrzehnt überlappen sich Neues und Altes: Langfristige Trends der vorangegangenen Jahre verstärken sich oder neigen sich dem Ende zu. Überkommene Erscheinungen sterben endgültig ab. Dagegen kommen Neuerungen auf und beginnen sich in der Gesellschaft auszubreiten. Das Tempo dabei kann sehr hoch, manchmal sehr behäbig sein. Nicht selten hängt dies von den sich verändernden Rahmenbedingungen ab. Während Konsum und bessere Lebensverhältnisse deutlich im Vordergrund standen, verliefen andere wichtige gesellschaftliche Entwicklungen wie der Wandel der Geschlechterverhältnisse und die rechtliche Gleichstellung der Frauen deutlich langsamer.[i] Ebenso dauerte die gesellschaftliche Demokratisierung, die Abkehr von obrigkeitsstaatlichem Denken, wesentlich länger. Am Ende der 1960er Jahre wurde der gesellschaftliche Aufbruch zu einem Programm unter der sozial-liberalen Regierung von Willy Brandt erhoben. Der Slogan: „Mehr Demokratie wagen“.[ii]
Der aus den 1950er Jahren hineinwirkende wirtschaftliche Aufschwung hatte dafür gesorgt, dass sich die Löhne erhöhten, die Arbeitszeiten gesenkt wurden und die Lebensverhältnisse der Menschen sich stetig verbesserten.[iii] Die Gewerkschaften hatten die Forderung nach einer Fünf-Tage-Woche 1956 mit dem Slogan bekräftigt: „Samstags gehört Vati mir“.[iv] Zur Verbesserung der Wohnverhältnisse entfaltete die populäre Kultur der 1960er Jahren eine enorme Wirkmacht: Hatten die 1950er Jahre mit Schlagern, Heimatfilmen, dem beginnenden „Rock’n‘ Roll“ nach US-Vorbildern die Lebenswelt stark beeinflusst und vereinzelt gesellschaftliche Konflikte heraufbeschworen, so verstärkten sich diese Trends in den 1960er Jahren mit Beat-Musik, Mini-Röcken, Koteletten, langen Haaren nochmals deutlich. Dabei war im Ringen um mehr Freizügigkeit in den Lebensverhältnissen und den Lebensstilen ein wesentlich heftiger Generationskonflikt vorprogrammiert.[v]
Die Massenmotorisierung hatte sich in den 1960er Jahren voll entfaltet.[vi] Das wirkte sich vor allem in der Region Braunschweig nachhaltig aus, in der viele Menschen bei der Volkswagen AG (seit 1960) und bei Nutzfahrzeugproduzent Büssing arbeiteten.[vii] Gleichzeitig hatte sich die Gesellschaft daran gemacht, Städte, Dörfer und Landschaften „autogerecht“ umzugestalten: Während in Städten wie Braunschweig breite Verkehrsschneisen in die stark zerstörte Stadtlandschaft geschlagen wurden, wurden ländliche Verkehrsnetze ausgebaut durch neue oder bessere Straßen und breitere Trassen in den Dörfern.[viii]
Dagegen erlebten die traditionellen braunschweigischen Industrien, die stark von der Landwirtschaft abhängig waren, in den 1950er Jahren noch einen starken Aufschwung, bevor sie in den 1960er Jahren aufgrund der weltweiten Konzentrationsbewegungen, der Zonenrandlage, der Konkurrenz in durch Niedriglohnländer wie Asien und aufgrund europäischer Wirtschaftsvereinbarungen in eine andauernde Krise gerieten, die zusammen mit der massiven weltwirtschaftlichen Krise in den 1970er Jahren zum Niedergang großer Braunschweiger Industriebetriebe und zu massiven Arbeitsplatzverlust führten.[ix]
Auch die weltpolitische Lage schlug sich in der Region nieder: Der „Kalte Krieg“ führte zur Aufrüstung der Bundeswehr in der grenznahen Region und der Schutz vor den Gefahren eines möglichen Atomkrieges prägte die Erfordernisse des Katastrophenschutzes in den 1960er und 1970er Jahren.[x] Nicht zuletzt begannen sich die dramatischen Umweltauswirkungen des „Wirtschaftswunders“ und der weltweiten Industrialisierung deutlich vor aller Augen zu zeigen: 1972 veröffentlichte der „Club of Rome“ die Denkschrift „Grenzen des Wachstums.
[i] Siehe dazu Angela Vogel: Familie. In: Die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 2, Gesellschaft, Frankfurt: 1983, S. 98-126
[ii] Manfred Görtemaker: Kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. München: 2002, S. 213ff.
[iii] Harm G. Schröter: Von der Teilung zur Wiedervereinigung. In: North: 2000, S. 371
[iv] Lebendiges Museum online: „Samstags gehört Vati mir“ (hdg.de); https://germanhistorydocs.org/de/die-besatzungszeit-und-die-entstehung-zweier-staaten-1945-19 61/ghdi:image-2591> [20.07.2024]
[v] Eckhard Siepmann (Red.): HEISS UND KALT: Die Jahre 1945-69. Berlin: 1993, S. 356-414; Vgl. Kaspar Maase: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur. Frankfurt: 2001, S. 239ff.
[vi] Kurt Möser: Geschichte des Automobils, Frankfurt: 2002, S. 191ff.
[vii] Gudrun Fiedler, Norman-Mathias Pingel: Vom Nachkriegsboom in den Strukturwandel. Die Wirtschaft der Landes-Region Braunschweig nach 1945. In: Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Braunschweigischen Landes, Bd. 3, S. 557-664, hier S. 590-591
[viii] Es begann mit 10.000 Talern. Geschichte des Straßenbaus in Niedersachsen, Gerstenberg: 1989, S. 48-56
[ix] Ulrich Kegel: Wirtschaft und Verkehr nach 1945. In: Braunschweigische Landesgeschichte: 2000, S. 1058ff.., Karl Liedke, Bernd Rother: Von der Zuckerfabrik zum Mikrochip. Braunschweigs Industrie von 1850 bis heute. Frankfurt: 1989, S. 65-80
[x] Klaus von Schubert: Sicherheitspolitik und Bundeswehr. In: Die Bundesrepublik Deutschland. Geschichte in drei Bänden. Bd.1, Frankfurt: 1983, S.310ff.
Dass sich die Zeiten deutlich veränderten und der Generationswechsel sich beschleunigte, zeigte sich auch in der Feuerwehr Bienrode. Gerhard Borchers, Horst Bernhardt und Kurt Albrecht stehen als bestimmende Kräfte stellvertretend für die innere Qualifizierung der Feuerwehr. Nach entsprechenden Lehrgängen an der Feuerwehrschule Celle mit der technischen, organisatorischen und taktischen Ausbildung und durch den Austausch auf den Treffen mit anderen Brandmeistern hatten sie ein entsprechendes Wissen aufgebaut. Verbunden damit war ein spürbarer Generationswechsel: Ob als Brandmeister, Schriftführer, Gruppenführer, Gerätewart und Kassierer oder als stellvertretender Brandmeister – die Generation der Jahrgänge von 1928 aufwärts war nun in die Verantwortung gegangen. Damit ging auch ein Wandel im Führungsstil und der Kommunikation innerhalb der Feuerwehr einher. Lösungsorientiertes Vorgehen, eine nüchtern-sachliche Ansprache auf Augenhöhe lassen sich aus den Protokollen herauslesen, der harsche Befehlston der Vorgängerjahre löste sich zusehends auf, und die Väter-Generation musste sich dezente bis offene Kritik gefallen lassen. Dies ist umso bemerkenswerter, da diese jungen Männer in ihrer Kindheit und Jugend den schroffen Befehlston zuhause und den Unterordnungsstil der NS-Jugendverbände kennen gelernt hatten.
Bei der Versammlung am 2. November 1957 kam die Alarmübung vom Oktober 1957 zur Aussprache. „Die Alarmübung wurde zur vollen Zufriedenheit durchgeführt. Zu bemängeln war lediglich, dass alle älteren Kameraden fehlten. Unsere Wehr ist in der Lage Löschwasser ohne fremde Hilfe in den Südteil des Dorfes zu fördern.“[i] Hier war der selbstbewusste Verweis auf die eigene Leistungsfähigkeit direkt mit dem Tadel an die Älteren verbunden. Die älteren Mitglieder der Jahrgänge von 1900 aufwärts wie Albert Meyer und Max Drewes übernahmen in der Leitungsebene zunehmend Aufgaben mit geringerer Arbeitslast; etwa im Festausschuss, der das jährliche „Wintervergnügen“ zu organisieren hatte.[ii] Das Protokoll der Versammlung vom 19. August 1961 zur Aussprache über eine Alarmübung verdeutlicht dagegen den sprachlichen Wandel in der internen Kommunikation: „Bei dieser Übung wurden noch einige Fehler gemacht, diese wurden eingehend besprochen. Bei jedem Alarm müssen 200 m B-Schlauch mitgenommen werden.“[iii]
Die Feuerwehr – seit jeher eine Angelegenheit der Einheimischen – stand zugleich unter dem Druck, sich für die Mitglieder zu öffnen, die durch Flucht und Vertreibung in den Ort gekommen waren. Andere Vereine und Gruppen waren dort bereits wesentlich weiter. Der „VfL Bienrode“ und andere Vereine und Gruppen wie die „Junge Gesellschaft“ und der „Laienspielverein“ hatten bereits zuvor die Jugendlichen aus einheimischen und geflüchteten und vertriebenen Familien zusammengeführt und somit als dörfliche „Integrationsmotoren“ gewirkt. Das Tempo der Feuerwehr hielt damit nicht Schritt: 1957 wurde Siegfried Kolla aus Schlesien einstimmig aufgenommen.[iv] Im April 1960 wurden Wolfgang Kolla (1932-2021) zusammen mit Hans-Hermann Gieseke und Hans-Otto Schaper aus Bienrode als Anwärter aufgenommen. Im Januar 1962 wurde Wolfgang Kolla zum Feuerwehrmann ernannt,[v] Schützenkönig war er bereits in den 1950er Jahren.
Die Feuerwehr befand sich offenbar im Mahlstrom gegensätzlicher Entwicklungen und eigenem Beharren. Die Personalsituation war bedrückend geworden, gerade 15 Feuerwehrleute lauschten im Juni 1961 dem Vortrag über „Nachwuchssorgen“ in der Feuerwehr. Die Feuerwehr als verlässliches Instrument der bürgerlichen Selbsthilfe war auf Kollisionskurs geraten mit dem verstärkten Konsum von unverbindlichen Freizeitangeboten und dem Rückzug ins Private. Zugleich nahm die Belastung durch neue Aufgaben und das Erfüllen traditioneller Pflichten für gute Zwecke außerhalb des Feuerwehrgeschehens zu. Mehrere Beispiele sollen diese These deutlich machen: In den 1950er Jahren wurden mehrfach dörfliche Spendensammlungen zur Unterstützung von Blinden organisiert. 1952 erscheint sie erstmals im Protokoll der Generalversammlung.[vi] Im November 1957 erklärten sich Walter Gieseke für das Bastholz, Alfred Winter und Gustav Deppe in der Siedlung, Heini Otte und Willi Mahnkopf in der Dorfmitte und Max Drewes und Horst Bernhard „am Berge“ bereit, „Klinken zu putzen“.[vii] Im Jahr darauf heißt es: „Die Blindensammlung, welche von den Kameraden Kolla, Kroll, Johannes, Meyer, Wolff und Kögel durchgeführt wurde, erbrachte einen Betrag von 177,70 DM.“ Siegfried Kolla als Anwärter hatte sich nun an der Sammelarbeit beteiligt.[viii] Noch im Jahr 1961 war die Spendenbereitschaft hoch und auch Spendensammler fanden sich.[ix] Doch freiwillige Hilfe für einen guten Zweck war keine Selbstverständlichkeit, wie das Jahr darauf zeigte: „Wie in jedem Jahr soll die Freiwillige Feuerwehr wieder für Blinde sammeln. Über diese Sammlung wurde rege diskutiert, da keine Sammler zu bekommen sind. Dann wurde der Vorschlag gemacht nicht zu sammeln und 30,00 DM durch Umlage für Blinde zur Verfügung zu stellen. Dieser Vorschlag wurde akzeptiert und darüber abgestimmt.“[x] Auch die Strafkasse, in die Mitglieder einbezahlten, wenn sie zu bestimmten Diensten oder Übungen nicht erschienen waren, wies in den Kassenberichten der Protokolle bedeutende Beiträge aus. Teilweise betrug die Strafkasse ein Drittel bis zur Hälfte dessen, was die Kassenwarte als jährliche Überschüsse auswiesen. Die Gelder aus der Strafkasse flossen in der Regel für Vergnügen wie das jährliche Winterfest ein.[xi]
Besonders deutlich abzulesen war die personelle Herausforderung der Feuerwehr an den stetig wiederkehrenden Aufrufen, sich an den sonntäglichen Übungen zu beteiligen. In der Nachkriegszeit und den Aufbaujahren waren die Appelle offensichtlich zu verstehen als Reaktion auf die privaten Notwendigkeiten, die Vorrang hatten. Nun hatte es die Feuerwehr weniger mit Bränden als mit dem erhöhten Wohlstand zu tun und dem Freizeitbedürfnis, das Wochenende nach eigenem Gusto zu genießen, aber nicht in Uniform. So appellierte auch Gerhard Borchers 1961 auf der Jahreshauptversammlung: „Der Wehrführer gab einen Bericht über das vergangene Jahr. Er gab bekannt, dass sich mehr Kameraden an den Übungen beteiligen sollen.“[xii] Vorangegangen war der Aufruf im August 1960, sich an den „Unterkreiswettkämpfen“ in Lehre zu beteiligen.[xiii] Hier deutet sich ein verändertes Familienverständnis an, das in Ausgleich gebracht werden musste mit den Aufgaben einer Feuerwehr. „Am Samstag gehört Vati mir“, hatten die Gewerkschaften in den 1950er Jahren propagiert. Nun stellte sich die Frage: „Und am Sonntag der Feuerwehr?“ Auch die reizvolle Offerte vom Mai 1960, ein Tanklöschfahrzeug aus dem Fuhrpark der Stadt zu bekommen, löste kein Echo aus: „Das Tanklöschfahrzeug soll nicht mehr in Braunschweig, sondern in einer Gemeinde stationiert werden. Wehren, die Platz und Interesse an diesem Fahrzeug haben, können sich melden.“[xiv]
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. November 1957
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. November 1960
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 12. August 1961
[iv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 30. November 1957
[v] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. April 1960 und 6. Januar 1962
[vi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. April 1952
[vii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. November 1957
[viii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Dezember 1958
[ix] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. Dezember 1961
[x] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 3. November 1962
[xi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode. Siehe Kassenberichte 2. April 1955, 8. Oktober 1955, 7. Januar 1961
[xii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. Januar 1961
[xiii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. August 1960
[xiv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. Mai 1960
Die Zeiten in Bienrode hatten sich gehörig verändert: 1962 zählte der Ort 2.182 Einwohner (1950: 1.244 Einwohner), davon waren 40 Prozent Einheimische, ebenso viele waren Vertriebene und Flüchtlinge.[i] Der wirtschaftliche Aufschwung der jungen Bundesrepublik sorgte auch in Bienrode für neue Wohnungen und Häuser, der Druck enger Wohnverhältnisse nahm ab. Aufgrund der hohen Einwohnerzahl bekam Bienrode nun einen hauptamtlichen Gemeindedirektor: 1964 erhielt Paul Böse nach einer Bewerbungsrunde den Zuschlag als Verwaltungschef von Bienrode.
1963 hatten die Bauarbeiten für die neue Gemeindeverwaltung am Maschweg begonnen. Und angesichts der Baukonjunktur wurden auch die Forderungen der Feuerwehr nach einem neuen Gerätehaus lauter. Das Spritzenhaus von 1903 mit seinen zwei Garagen entsprach weder den Anforderungen einer modernen Feuerwehr, noch dem Klima des Kalten Krieges mit den erhöhten Luftschutzvorkehrungen. Zumal die im Aufbau befindliche Bundeswehr mehrere frühere Wehrmachtskasernen in direkter Nachbarschaft bezog.
1964 erschien das Feuerwehrgerätehaus auf der Tagesordnung der Bienroder Gemeinderats- und Ausschusssitzungen. Im Protokoll des Verwaltungsausschusses vom 28. April 1964 heißt es: „Der Antrag der Freiwilligen Feuerwehr wurde zur Kenntnis genommen, auch eingehend besprochen, musste aber zunächst wegen Klärung der Platz- und Kostenfrage zurückgestellt werden. Vom Kreisbrandmeister Büchner werden Bauzeichnungen u. Finanzierungsunterlagen angefordert.“[ii] Im Juni 1964 stand die Standortfrage im Mittelpunkt eines Gesprächs zwischen den Kommunalpolitikern und Ortsbrandmeister Gerhard Borchers und seinem Stellvertreter Horst Bernhardt: „Als beste Lösung wurde die Unterbringung im gemeindeeigenen Grundstück, im Hang des Klärgrubengeländes vorgeschlagen. Eine Ortsbegehung findet am 3.7. 18 Uhr statt, wozu Mitglieder der Feuerwehr eingeladen sind.“[iii] Nach der Begehung ging es bereits um Entwurfsvorschläge: „Ohne nennenswerte Einschränkung der vorhandenen Bauplätze wird ein freischwebender Garagenraum v. 8 mtr. Breite und mtr. Länge mit möglichst zwei Schwingtoren vorgesehen. Der Eingang ist in die Flucht der v.d. Hausbau vorgesehenen Garagen zu bringen und die Außenansicht anzupassen. Baupläne mit Waschraum-Vorsehung werden im Einvernehmen mit der Feuerwehr ausgearbeitet.“[iv] Zwei Monate später legte Gerhard Borchers den Politikern zum Vergleich Pläne von Gerätehäusern aus anderen Gemeinden vor.[v] Am Ende des Jahres 1964 musste er sanften Druck ausüben: „Herr Borchers gibt bekannt, dass die Freiwillige Feuerwehr besonderen Wert auf baldige Beratung über die Errichtung eines Feuerwehrgerätehauses legt.“[vi]
Doch die Angelegenheit begann sich zu ziehen: Offenbar war ein zweiter Standortvorschlag in die Diskussion gekommen, der umweltrechtliche Prüfungen nach sich zog. Auch der Vorschlag, das Gerätehaus mit einem Luftschutzraum auszustatten, um Mittel aus den Fördertöpfen für den Luftschutz zu einzuwerben, verzögerte die Planungen: „Mit den Herren Borchers und Bernhardt wurde eingehend die Errichtung eines Feuerwehrgerätehauses erörtert. Solange vom Wasserwirtschaftsamt Braunschweig keine verbindliche Auskunft darüber vorliegt, ob das Feuerwehrgerätehaus im gemeindeeigenen Garten am Maschweg errichtet werden kann, ist eine nähere Planung noch nicht möglich. Wenn das Wasserwirtschaftsamt für diese Stelle Bedenken äußert, soll das Feuerwehrgerätehaus nach Möglichkeit am alten Klärgrubengelände errichtet werden. Die Meinungen hierüber gehen jedoch noch auseinander; ein entsprechender Beschluss soll erst nach vorliegender Auskunft durch das Wasserwirtschaftsamt gefasst werden.“[vii]
Im März 1965 rückte Gerhard Borchers für ein verstorbenes Ratsmitglied in das Gemeindeparlament nach. Die Feuerwehr hatte nun ein politisches Mandat, um in dem Projekt Nachdruck zu verleihen. Im Mai hatte der Gemeinderat die Standortfrage endlich geklärt: „Nach nochmaligen eingehenden Debatten wird als Standort für das Feuerwehrgebäude das gemeindeeigne Grundstück (ehemaliges Klärgrubengelände) am Maschweg mit Ausfahrt zum Maschweg hin festgelegt werden. Es wird ferner beschlossen, eine Einliegerwohnung in das Feuerwehrgebäude einzuplanen.“[viii] Horst Bernhardt hatte inzwischen mit einem Architekten eine Entwurfsskizze vorlegen können. Auch der Rat drängte auf eine schnelle Entscheidung: „Der Planungsausschuss stimmt den von Herrn Bernhardt in Verbindung mit einem befreundeten Architekten erstellten Entwurf für das Feuerwehrgerätehaus grundsätzlich zu. Bevor der Plan zur weiteren Prüfung an den Bauausschuss verwiesen wird, soll möglichst umgehend von Herrn Bernhardt und dem Architekten eine Erweiterung der Planung mit Errichtung von 2 Garagen und 1 Luftschutzkeller (an der nördlichen Grenze) erfolgen. Herr Bernhardt und Herr Borchers werden nach Erweiterung des Planes den Gem.-Dir. Unterrichten, damit unverzüglich eine Bauausschusssitzung einberufen werden kann. Eine Architektenauswahl soll erst dann erfolgen. Die Anwesenden sind sich darüber einig, dass die Angelegenheit außerordentlich eilt (…). Bauplanung und Finanzierungsplan müssen unbedingt bis 15.10. 1965 dem Landkreis Braunschweig vorliegen.“[ix]
Der Landkreis Braunschweig hatte indes weniger Eile, wie im Protokoll vom November 1965 zu lesen ist: „Da das Wasserwirtschaftsamt noch keine endgültige Äußerung zur Frage der Errichtung eines Feuerwehrgerätehause am Maschweg erteilt hat, kann der endgültige Standort des neuen Feuerwehrgerätehauses noch nicht festgelegt werden. In der Annahme, daß aber Einwände seitens des Wasserwirtschaftsamtes nicht erhoben werden, wird festgelegt, dass außerhalb des 50 m-Kreises neben eines Feuerwehrgerätehaus noch 3 Garagen und ein Abstellraum für die DLRG-Gruppe der Gemeinde errichtet werden sollen. Bgmstr. Schaper weist erneut darauf hin, dass zwar die Lage des Feuerwehrgerätehauses am Maschweg in unmittelbarer Nähe des Verw.-Gebäudes sehr günstig sei, dass aber die Gefahr einer Verunreinigung unseres Trinkwassers außerordentlich hoch sei. Ratsherr Eickemeyer hat die gleichen Bedenken. Der Gem.-Dir. soll beschleunigte Klärung mit dem Wasserwirtschaftsamt herbeiführen.“[x]
Die Pläne für das Feuerwehrgerätehaus verschwanden dann recht schnell und relativ sang- und klanglos von der Tagesordnung. Die Gemeinde hatte am Ende dieses Jahres andere Probleme.
[i] Walter: 1981, S. 59
[ii] Protokoll, Verwaltungsausschuss 28.4.1964. Stadtarchiv Braunschweig G VII 11, Nr. 4-5
[iii] Bau- und Verwaltungsausschuss, 30.6.64. Stadtarchiv Braunschweig G VII 11, Nr. 4-5
[iv] Protokoll Ortsbegehung 3.7.1964. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
[v] Gemeinderatssitzung, 21.9.1964. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
[vi] Gemeinderatssitzung, 2.12.1964. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
[vii] Nichtöffentliche Sitzung des Gemeinderates, 22.12.1964. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
[viii] Ratssitzung 20.5.1965. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
[ix] Planungsausschuss, 11.8.1965. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
[x] Planungsausschuss, 28.11.1965. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
War das Angebot der städtischen Feuerwehr von 1960, ein Tanklöschfahrzeug übernehmen zu können, noch ohne Resonanz geblieben, so wurde der Wunsch und die Notwendigkeit für ein eigenes Tanklöschfahrzeug nun stärker. Ein zügiger Bau des Feuerwehrgerätehauses war vom Tisch. Dafür bekam die Feuerwehr Bienrode ein modernes Tanklöschfahrzeug vom Gemeinderat bewilligt: „Zwecks Anschaffung des Löschfahrzeugs soll noch in diesem Jahr der Antrag beim Landkreis gestellt werden, dann könnten wir im Herbst nächsten Jahres mit dem Zuschuss rechnen. Der Ankauf wird einstimmig beschlossen.“[i] Gerhard Borchers, Horst Bernhardt, Hans-Jürgen Rademacher und Kurt Albrecht nahmen das Löschfahrzeug LF 8 vom schwäbischen Hersteller Ziegler in Brenz entgegen. Das auf Mercedes-Benz-Basis aufgebaute Fahrzeug hatte einen 65 PS starken Benzin-Motor und besaß an der Front eine zusätzliche Pumpe. Allerdings war das Spritzenhaus von 1903 zu klein für das Fahrzeug, so dass es in der gemieteten Mühlenscheune untergebracht wurde. Es sollte bei der bevorstehenden Feier zum (nachgeholten) 90-jährigen Bestehen der Feuerwehr Bienrode im Juli 1965 eine bedeutende Rolle spielen. Dabei entging Bienrode im Juni einer Brandkatastrophe – mit viel Glück.
„Dreieinhalb Tonner raste in Tankstelle. Mehr als 100.000 Mark Schaden – 240 Liter Öl ausgeflossen – Lastwagen stützt das Dach“, titelte die Braunschweiger Zeitung am 8. Juni 1965 nach einem Lkw-Unfall: „In einen stattlichen Trümmerhaufen wurde am Sonnabend die schmucke Esso-Tankstelle an der Hauptstraße 32 verwandelt.“[ii] Laut Zeitungsbericht war ein Lastwagen in Richtung Bundesstraße 4 unterwegs und kam auf regennasser Fahrbahn in der Rechtskurve von der Straße ab und raste in die Tankstelle. Dabei riss er die Zapfsäule um. „Wie durch ein Wunder kam es zu keiner Explosion. Genau mit dem noch heißen Auspuffrohr (120 Grad Celsius) blieb der Dreieinhalbtonner über einer umgeknickten Zapfsäule stehen. Der Funke fiel jedoch nicht in das mit 17.000 Litern gefüllte ‚Pulverfaß‘. (…) Benzin lief nicht aus. (…) Die Berufsfeuerwehr der Stadt Braunschweig wendete die ersten Explosionsgefahren ab. Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr halten Tag und Nacht Brandwache, um ein Entzünden möglicher Gase zu verhindern.“
In einem Zeitzeugen-Gespräch vom Juli 2021 mit den Mitgliedern der „Altersgruppe“ erinnerten sich Hans-Jürgen Cordes, Hans-Hermann Gieseke, Wolfgang Kolla und Reinhold Meyer an diesen Tag. Hans-Jürgen Cordes berichtete, dass sich eine der Spannketten des Lkw beim Fahren gelöst hatte und um die vordere Achse gewickelt hatte und die Lenkung so zum Blockieren brachte. „Es war hochexplosiv!“ Der Alarm erfolgte über die Sirene auf der benachbarten Schule, berichtete Wolfgang Kolla. Aus dem alten Spritzenhaus wurde die Tragkraftspritze herausgezogen, als Vorsorgemaßnahme, die Schläuche wurden an einen Überflurhydranten angeschlossen. Und es gab schon Gaffer: „Gekuckt haben sie alle. Das Schlimmste waren die Zuschauer. Keiner wollte weggehen.“, erinnerte sich Wolfgang Kolla. Es seien Schaulustige zu Fuß und mit dem Rad gekommen. Die Polizei musste die Unfallstelle absichern und absperren. „Noch in der Nacht zum Sonntag“, so berichtete die Braunschweiger Zeitung, „reiste ein Spezialmonteur der Mineralölgesellschaft aus Hamburg an, um die Tanks abzusichern.“ Eine Firma kam, um den Lkw aus dem Haus herauszuziehen.
[i] Gemeinderatssitzung 21. September 1964. Stadtarchiv Braunschweig G VV 11, Nr. 4-5
[ii] Zeitungsausschnitt: Braunschweiger Zeitung, 8. Juni 1965, Sammlung Jürgen Kahlfeldt
Feierlaune herrschte dagegen am 4. Juli 1965, als die Feuerwehr ihr 90-jähriges Bestehen feierte. Das Programm der Festschrift beginnt mit einem Frühstück „für Jung und Alt“, mit den Feuerwehrkapellen Wendeburg und Abbesbüttel und einem offiziellen Teil am Nachmittag. Zu den Offiziellen gehörten Oberkreisdirektor Geffers und der stellvertretende Landrat Elsner. „Historische Spritze im Festzug. Feuerwehr Bienrode feiert 90-jähriges Bestehen“, überschrieb BZ-Journalist Joachim Hosang seinen Bericht in der Braunschweiger Zeitung. „Nach einem Lied des Singkreises Bienrode und dem Festvortrag von Schulleiter Walter über ‚90 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode‘ würdigte Bürgermeister Schaper die Einsatzbereitschaft derjenigen, die in Kriegs- und Friedenszeiten in der Bienroder Wehr zum Wohle der Allgemeinheit tätig waren. Als Zeichen der Anerkennung überreichte er dem Ortsbrandmeister das John-F.-Kennedy-Gedächtnisbuch.“ Fotos von der offiziellen Feierstunde zeigen Eindrücke von dem Geschehen auf dem Hof vor der Bienroder Mühle. Als improvisierte Bühne mit einem Rednerpult diente ein landwirtschaftlicher Anhänger. Davor saßen in der ersten Stuhlreihe die ältesten Mitglieder der Bienroder Feuerwehr, teils in historischen Uniformen. Ihnen gegenüber standen die jungen Frauen des Singkreises in eleganten Kleidern und auf Stöckelschuhen, umrahmt von zahlreichen Feuerwehrleuten mit Abordnungen aus Rühme und Veltenhof. Der anschließende Festumzug startete von dort aus: „Im Festumzug am Sonntagnachmittag sah man vier Altfeuerwehrleute in historischen Uniformen mit einer von zwei Pferden gezogenen Feuerwehrspritze aus dem Jahr 1875, eine Tragkraftspritze von 1935 und ein modernes Löschfahrzeug (LF8) – Demonstration der Entwicklung des Feuerlöschwesens.“[i] Die Feuerwehrspritze stammte aus Klein Brunsrode, Hans-Otto Schaper zog mit seinem Unimog die Tragkraftspritze von 1935, dahinter fuhr ein modernes Löschfahrzeug LF8. Die Feier kostete nach Rechnung der Gemeinde gut 3.000 D-Mark, die Einnahmen betrugen 1.771 D-Mark. Die Gemeinde übernahm auf Ratsbeschluss das Defizit als Zuschuss.[ii]
[i] Braunschweiger Zeitung, 5. Juli 1965. Archiv: Freiwillige Feuerwehr Bienrode
[ii] Verwaltungsausschuss 10. November 1965. Stadtarchiv Braunschweig G VII 11, Nr. 4-5
Dass der Gemeinderat im Herbst 1965 entschied, das Minus der sommerlichen Jubiläumsfeier der Feuerwehr zu übernehmen, dürfte ein symbolisches Trostpflaster gewesen sein. Denn spätestens zum Jahresbeginn 1966 durfte klar gewesen sein: Ein Feuerwehrgerätehaus würde in diesem Jahr nicht entstehen. Auch das Sportheim für den VfL, für das 1965 der Grundstein gelegt worden war, verschwand von der Tagesordnung.
Der Grund für diese Kehrtwende: Die Gemeinde Bienrode hatte in den Jahren zuvor offensichtlich über ihre Verhältnisse gelebt und nun massive Geldprobleme. Dieses Problem führte dazu, dass Gemeindedirektor Böse nach gut zwei Jahren im Amt seinen Posten verließ. 1966 übernahm Hans-Joachim Schlosser diese Position und behielt diese bis zur Eingemeindung Bienrodes im Jahr 1974. Um die Misere in den Griff zu bekommen, diskutierte der Finanzausschuss im Januar 1966 über drastische Kürzungen, da der Spielraum für Steuererhöhungen etwa bei der Grundsteuer ausgeschöpft schien. So legte der Ausschuss einen Sparhaushalt vor, der von 929.000 D-Mark im Jahr 1965 auf fast 550.000 DM abgeschmolzen wurde – ein Minus von gut 40 Prozent. Die bereits fertigen Pläne für das Feuerwehrgerätehaus verschwanden deshalb in der Schublade.
Auch 1967 war die Kassenlage äußerst angestrengt, aber die Gemeinde war sich bewusst, dass sie noch eine Reihe an baulichen Aufgaben zu erledigen hatte, die den normalen Haushalt überfordert hätten. Dazu gehörten der Bau der Mittelpunktschule, das VfL Sportheim, das Feuerwehrgerätehaus, die Erweiterung des Friedhofes, der Bau zusätzlicher Gemeindestraßen, die Verlegung des Kleingartengeländes und die „Rekultivierung“.[i] Das war eine kostspielige To-Do-Liste, die für eine 2.000-Seelen-Gemeinde eine Notwendigkeit bedeutete. Zwar stand das neue Gerätehaus auf dem Papier. Aber es sollte zwei weitere Jahre dauern, bis das neue Domizil der Feuerwehr wieder zum Gegenstand des Gemeinderates wurde.
Im April 1969 legte Gemeindedirektor Schlosser einen Finanzierungsplan vor, der alle Investitionen von 1969 bis 1973 umfasste. Darin wurde das Feuerwehrgerätehaus mit 150.000 DM veranschlagt, neben anderen Projekten wie dem Kindergarten mit 300.000 DM und das VfL-Sportgelände mit 600.000 DM. Zudem ging es um die Standortfrage: Die Gemeinde hatte 1965 das „ehemalige Klärgruben-Gelände“, das ihr gehörte, dafür vorgesehen, um Kosten zu sparen. Nun stand zur Diskussion, das Gelände zu verkaufen, um den Gemeindeetat zu entlasten. In dieser Situation wurde ein Vorschlag aus dem Jahr 1965 wieder aufgegriffen: das Feuerwehrgerätehaus auf dem gemeindeeigenen Grundstücke Ecke Winkel/Maschweg zu errichten. Dieser Vorschlag fand eine überragende Mehrheit im Rat, der Standort-Beschluss von 1965 wurde zugleich aufgehoben.
Im Oktober 1969 kam das Vorhaben erneut ins Gemeindeparlament: die Zuschusslage war unklar, die Ratsmitglieder waren vorsichtig. Erneut kamen Vorbehalte auf, die Gerhard Borchers mit dem Hinweis auf Fördermittel vom Landkreis, der Landesbrandkasse und dem Land von mehr als 50 Prozent zerstreuen konnte. Am Ende beschloss der Rat den Bau des Feuerwehrgerätehauses: „Ob aufgrund der Finanzlage dann gebaut werden kann, ist abzuwarten. Der Rat beschließt sodann einstimmig, ein Feuerwehrgerätehaus zu bauen. Es soll versucht werden, noch für 1970 Zuschüsse zu erhalten.“[ii] Die Feuerwehr sollte sich aus einer Mustermappe einen Entwurf aussuchen, der ihren Vorstellungen entsprach. Da sich in dieser Mappe kein geeigneter Entwurf fand, besichtigten einige Wehrmitglieder mehrere Gerätehäuser.
Inzwischen hatte die Braunschweigische Landesbank Interesse an einem gemeinsamen Gebäudekomplex gezeigt. Zudem brachte die Feuerwehr weitere Raumwünsche vor. So wuchs der Umfang des Projektes erheblich: Architekt Manfred Goedeke hatte einen Plan vorgelegt, in dem die Kosten von 150.000 DM auf 256.000 gestiegen waren, wovon 90.000 DM aus dem Gemeindeetat eingerechnet waren. Angesichts dieser Steigerung warf ein Ratsherr die Grundsatzfrage auf: „Kann ein Gerätehaus in diesem Umfang erstellt werden?“. Die Antwort gab der Rat am 10. Dezember 1969: Er beschloss mit 12-Ja-Stimmen und einer Gegenstimme den Bau des Feuerwehrgerätehauses. Im Juni 1971 später wurde es eingeweiht, der Bau kostete 270.000 Mark. Die Wirkung des Gebäudes sei nicht zu unterschätzen: „Das neue Feuerwehrgerätehaus hat der Feuerwehr zur Sichtbarkeit im Ort verholfen“, sagte Wehrmitglied Olaf Kolla im Zeitzeugengespräch. Zudem diente es einige Jahre lang als inoffizielles Kulturzentrum, das auch Singkreis, Altenkreis und Deutsches Rotes Kreuz nutzten.
[i] Finanzausschuss, 17. Januar 1967
[ii] Gemeinde Bienrode, 20. Oktober 1969
Die Rede bei der Einweihung des neuen Feuerwehrgerätehauses hielt Horst Bernhardt anstelle des erkrankten Gerhard Borchers. Darin schlug er einen Bogen von der Vergangenheit zur Zukunft, „…daß jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, mit der Jugend engen Kontakt zu knüpfen. Wir hoffen und wünschen, in den nächsten Jahren eine Jugendgruppe gründen zu können, die das Erbe dieser Generation übernehmen und erhalten soll. Eine Grundlage für die Ausbildung dieser Jugendgruppe ist uns durch diesen modernen Gerätehausbau gegeben.“
Dieser Hinweis war programmatisch, denn der Aufbau der Jugendfeuerwehr war bereits in vollem Gange. Vier Monate nach der Einweihung wurde der Wunsch durch einen einstimmigen Ratsbeschluss zur Wirklichkeit, der zudem mit Geld unterfüttert wurde: „Die Gemeinde Bienrode stellt eine Jugendfeuerwehr gemäß §6 der Satzung über die Freiwillige Feuerwehr auf. Die für ihre Ausrüstung erforderlichen 1.000 DM werden auf jeden Fall 1972, wenn irgendwie möglich noch 1971, zur Verfügung gestellt.“[i]
Mit der Jugendfeuerwehr als eigener Gruppe war die Feuerwehr Bienrode auf den Zug der Zeit aufgesprungen. Junge Feuerwehrleute hatte es bereits in den 1950er-Jahren gegeben und sie waren von Anfang an in den Dienst eingebunden. In den Protokollen der 1950er-Jahre war häufig von der „jungen Gruppe“ die Rede, mit der allerdings keine Namen verbunden waren, was ein Anzeichen dafür sein kann, dass sie nach den traditionellen Wertevorstellungen hinter den älteren Mitgliedern zurückzustehen hatte. Sie hatten aber bereits das Regelsystem von Übungen, Diensten und Pflichten zu absolvieren, mit dem auch Gefahren verbunden waren.
Mit der Jugendfeuerwehr entstand eine eigene Nachwuchsabteilung. So wurden die nicht volljährigen Mitglieder auf lockere, spielerische und ungefährliche Weise an das Leben, die Gemeinschaftskultur, die Arbeit und die Technik in einer Feuerwehr herangeführt. Bienrode besaß wie 15 andere Wehren im Landkreis vor 1974 eine eigene Jugendfeuerwehr. Dieses Zugehen auf jugendliche Bedürfnisse war notwendig, da die Feuerwehr mit den neuen Freizeitangeboten konkurrieren musste. Kinder und Jugendliche waren als kaufkräftige Zielgruppe erkannt worden: Sie verfügten über mehr Freizeit, hatten weniger Pflichten und besaßen häufig ein eigenes Kinder- oder Jugendzimmer. Sie konnten für ihr Äußeres und ihre Freizeit Geld ausgeben, für Turnschuhe, Jeans, T-Shirts, Comics, Spiele, Bücher, Kino-Karten, Jugendmagazine, für Sport, Mofas, Mopeds, LP’s, Plattenspieler, Kassettenrekorder und andere Konsumwaren. Diese Generation durfte nicht durch die übertriebenen Reden von Ehre, Pflicht und Gehorsam abgeschreckt werden, mit denen die Väter noch groß geworden waren. Die Jugendwehr sollte nach dem Vorbild von Pfadfindergruppen funktionieren: Äußerlich traten sie in Uniform mit Schiffchen, Abzeichen und eigener Fahne auf. Aber sie sollte nicht in der unheilvollen Tradition der „Hitler-Jugend“ stehen, die zwar die äußeren Symbole der „Pfadfinder“ und „Wandervögel“ übernommen und ihre Freiheitsideale propagiert hatte, aber dabei auf völlige Unterwerfung, Staatshörigkeit und Kriegsertüchtigung zielte. Was diese Instrumentalisierung der Jugendlichen bedeutete, hatte die Generation von Gerhard Borchers, Horst Bernhardt und Wolfgang Kolla am eigenen Leib erfahren.
Wolfgang Kolla (1932 – 2021) kümmerte sich als erster Jugendfeuerwehrwart um die Nachwuchsabteilung. Bei den Inhalten war das Erlebnisprogramm der Pfadfinder Vorbild. Die Jugendfeuerwehr bot eine Mischung aus Spaß, Teamgeist, Herausforderung, Sport, Abenteuer und Technik an. Sie absolvierte regelmäßig „Übungsdienste“. Sie beteiligte sich an Jugendwettkämpfen und ging auf Orientierungsmärsche. Sie besuchte Zeltlager in Hondelage, Wilsche und Grasleben und machte Rundfahrten durch den Harz. Sie zeigte mit Vorführungen auf den Bienroder Volksfesten ihr Können und feierte „Jugendfeten“ im Gerätehaus. Oder sie veranstaltete Filmabende und eigene Weihnachtsfeiern.
In der Jubiläumsschrift 1974 wurde zufrieden festgestellt, dass die Jugendfeuerwehr „bei den bisherigen Veranstaltungen beachtliche Erfolge erringen konnte. Inzwischen sind schon einige Mitglieder nach Erreichen des erforderlichen Alters in den aktiven Dienst der Feuerwehr übergewechselt.“[ii] Dies sollte auch in den folgenden Jahren so bleiben, als Bernd Wilke die Aufgabe des Jugendfeuerwehrwarts von Wolfgang Kolla übernahm. In der Jugendfeuerwehr wuchsen kontinuierlich die Mitglieder nach, die in den verschiedenen Gruppen, Bereichen und Ebenen Verantwortung in der Feuerwehr übernahmen. Viele Jugendliche stammten aus den Familien der Wehrmitglieder: Die Feuerwehr wurde zu einer „Familienangelegenheit“, was die in den 1960er Jahren sichtbar gewordenen Konfliktlinien zwischen „Familie“ oder „Feuerwehr“ aufweichte. Zugleich stellte die Jugendfeuerwehr ein Angebot dar, junge Leute „von der Straße“ fernzuhalten, vor der „Gefahr der Verwahrlosung“, die als Schreckensbild in den deutschen TV-Krimis dieser Zeit über die „Mattscheibe“ flimmerte.
[i] Gemeinde Bienrode, 25.10.1971
[ii] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S.41
Das Gruppenfoto aus der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum 1974 gibt einen guten Eindruck vom generationsübergreifenden Aufbau der Feuerwehr: Vorn saßen die Altersmitglieder aus den Jahrgängen um 1900. In den Reihen dahinter lächelten Männer aus den 1920er-, 1930er-, 1940er- und 1950er- Jahren in die Kamera. Einträchtig posierten die Angehörigen der Kriegsgeneration mit den „Boomern“ der Generation von 1947 bis 1957 für das Foto.[i]
Längst hatte sich die Feuerwehr für die Angehörigen der Flüchtlinge, Vertriebenen und DDR-Übersiedler sowie deren Kinder geöffnet. Der Jahresbericht der Feuerwehr von 1974 verzeichnete 45 Aktive, so dass vier Gruppen gebildet werden konnten. 1975 wurde ein VW-Bus für Mannschaftstransporte angeschafft. Ein Gerätehaus, Geräte und Ausrüstung schufen indes Verantwortung und weckten Erwartungen, die sich nur durch freiwilliges Engagement erfüllen ließen. Daran sollte es nicht fehlen: Die Bienroder Wehr erstellte sich in freiwilliger Arbeit ein eigenes Übungsgelände und eine Löschwasser-Entnahmestelle.
Aber das Jahr 1974 brachte auch Sorgen: Durch die Gebietsreform wurde der Landkreis Braunschweig aufgelöst, Bienrode wurde von Braunschweig als Stadtteil eingemeindet. „Hoffen wir, daß dadurch unsere Feuerwehr nicht beeinträchtigt wird“, schrieb Ortsbrandmeister Gerhard Borchers in sein Grußwort.[ii] Die Sorge kam auch bei der Jahreshauptversammlung 1974 zur Sprache: „Veränderung durch Eingemeindung. Verlust der Selbständigkeit. Kein Einfluß auf Neubeschaffung von Geräten. Keine nachbarliche Löschhilfe mehr“, hatte sich der Ortsbrandmeister als Stichworte für seine Rede notiert.[iii] 1975 wurde Gerhard Borchers Stadtbrandmeister von Braunschweig und gab die Leitung der Ortswehr an Horst Bernhardt ab.
„Die Feuerwehr hilft…aber vorbeugen musst Du, damit es nicht brennt“ titelte eine Broschüre der Berufsfeuerwehr Braunschweig von 1976.[iv] Durch viele Elektrogeräte in Häusern entstanden neue Gefahrenherde, die Bebauung wurde dichter und die Häuser höher. Erneut stiegen die Anforderungen an die Feuerwehren, die noch technischer und umfassender wurden. Von nun an spielten Planung und Ausbildung eine erheblich stärkere Rolle. 1977 erhielt die Wehr ein Tanklöschfahrzeug TLF 16 auf Magirus-Basis. Die technische Aufrüstung und die höheren Anforderungen schlugen sich in den Dienstplänen der Gruppen nieder, wie der Blick ins Archiv der Feuerwehr Bienrode zeigt. Gerätewarte mussten Lehrgänge besuchen und junge Feuerwehrleute gingen zu Maschinisten-Lehrgängen. Schwerer Atemschutz bildete eine Herausforderung: Gebrauchte Atemschutzgeräte wurden angeschafft. Die Freiwilligen mussten einen Gesundheitscheck absolvieren, ein Beauftragter kümmerte sich um Atemschutzgeräte und Ausbildung. Das Zusammenspiel von Menschen, Maschinen und Geräten wurde anspruchsvoller und die Vorgehensweisen komplexer. Die Ausstattung der Fahrzeuge mit Funksprechgeräten setzte Kenntnisse über Codes im Ernstfall voraus, die bei Funkübungen trainiert werden mussten. Insgesamt hatte das ehrenamtliche Arbeitsaufkommen im Feuerwehrdienst ständig zugenommen. Dies bedeutete viel Arbeit für die vier Gruppen, die 1978 wegen Personalmangels auf zwei Gruppen reduziert wurden. Zudem mussten junge Männer Wehrdienst leisten, was die Reihen ausdünnte.
Dass die Ausrüstung lebenswichtig sein konnte, hatten die Heidebrände 1975 im Landkreis Gifhorn gezeigt. Feuerwehrleute aus Fallersleben und Hohenhameln kamen dabei ums Leben, auch weil die Einsatzkräfte im Wald bei Leiferde keine Funkgeräte besaßen, keinen Kontakt zur Einsatzleitung hatten und sich innerhalb des dichten Rauches nicht orientieren konnten. Die Feuerwehr Bienrode kam an dem zweiten Brennpunkt der Heidebrände an drei Tagen zum Einsatz: in Westerbeck, Stüde und Neudorf-Platendorf. 13 Feuerwehrleute waren am ersten Tag 15 Stunden im Einsatz, tags drauf wurden zehn Männer knapp 15 Stunden lang eingesetzt und am dritten Tag wurden zwei Fahrer für Melde- und Transportfahrten eingesetzt.[v]
[i] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 43
[ii] 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bienrode: 1974, S. 5
[iii] Feuerwehrarchiv Feuerwehr Bienrode, Jahresberichte, 1974
[iv] Feuerwehrarchiv Feuerwehr Bienrode, Hefter 100 Jahre FF. Bienrode, 110 Jahre FF. Bienrode, Sonstiges
[v] Feuerwehrarchiv Feuerwehr Bienrode, Fotos und Berichte Mappe 1
Die Feuerwehr musste viele neuen Aufgaben bewältigen und war durch die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft der örtlichen Vereine eine tragende Säule im örtlichen Leben. Das bedeutete unter anderem Arbeitsdienste bei Volksfesten: Festzelt aufbauen, Girlanden aufhängen, Maigrün sammeln, Zelt abbauen und Platz aufräumen, bei denen vorzugsweise Männer aus der beruflichen Spätschicht zum Einsatz kamen. Seit den 1970er-Jahren richtet die Feuerwehr verlässlich das Osterfeuer aus, das mit viel Arbeit verbunden ist. Und auch an der Aktion „Saubere Landschaft“, die zeitgleich entstanden war, war die Feuerwehr von Anfang an beteiligt, um Müll in der Landschaft einzusammeln.
1981 stand ein erneuter Generationswechsel an: „Georg Spittel wurde neuer Brandmeister“, schrieb die Braunschweiger Zeitung am 6. Januar 1981 nach der Jahreshauptversammlung. 45 Aktive, 18 Jugendfeuerwehrleute, 29 fördernde und sechs Ehrenmitglieder zählte der Autor des Artikels auf. 28 Jahre alt war Georg Spittel, als er das Amt von Horst Bernhardt übernahm. „Er war ein Brückenbauer zwischen den Generationen und genoss bei den jungen und alten Kameraden Respekt und Anerkennung“, erinnert sich Olaf Kolla an Spittels Stil. Er sorgte für Stetigkeit und Veränderung und musste doch nach seinem ersten Jahr als Ortsbrandmeister wie seine Vorgänger feststellen, dass ihn das Amt forderte. Auf der Hauptversammlung sprach er Klartext: „Ein Teil des Idealismus wird durch Ämter und Behörden gebremst. Ein anderer Teil aber auch durch einige Kameraden.“[i] Er dankte insbesondere seinen Unterstützern, die sich auch außerhalb des Dienstes engagierten. „Wenn man solche Kameraden nicht mehr in der Wehr hat, ich glaube aber in anderen Vereinen ist es genau so, kann man den Laden dicht machen.“ Als Motto für das anstehende Jahr bediente er sich am Slogan der Bienroder Esso-Tankstelle: „Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an!“
Die 1980er-Jahre standen zudem unter dem Eindruck der atomaren Aufrüstung und des Zivilschutzes. Mitte der 1980er-Jahre konnte Georg Spittel selbstbewusst feststellen, dass sich Bienrode zu einer der „bestausgerüsteten Wehren in Braunschweig“ entwickelt hatte. 1985 waren alle Fahrzeuge erneuert, ständig an zeitgemäße technische Standards, Taktiken und Vorschriften angepasst. Im selben Jahr erschien die „Gesamtkonzeption für die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Braunschweig“, um für den „Katastrophen- und Verteidigungsfall“ aufgestellt zu sein; eine Reaktion auf eine Verordnung des niedersächsischen Innenministeriums. Nun stand das Zusammenwirken von Freiwilligen Feuerwehren und der Braunschweiger Berufsfeuerwehr im Vordergrund, um „ein erhebliches größeres Risiko abzudecken.“ Dazu gehörten einheitliche Vorgaben für Zeitabläufe, Alarmierung und Ausrückestärke sowie eine „Abkehr vom bisherigen Konzept, des ‚Brandschutzes im ersten Zugriff‘“. Die alte Devise „Unser Feuer löschen wir selber!“ sollte passé sein. Darin kam der Feuerwehr Bienrode mit ihrer starken Ausrüstung eine bedeutende Rolle im Bereitschaftswesen zu, die durch einen Rüstwagen RW1 und die Kombination aus Tanklöschfahrzeug und Mannschaftstransportwagen unterstrichen wurde. Die bedrohliche Weltlage hatte die Feuerwehren der Stadtrandgemeinden in die staatlichen Katastrophenschutzpläne eingebunden.
[i] Handschriftlicher Jahresbericht 1981. In: Feuerwehrarchiv Feuerwehr Bienrode, Jahresberichte
Indes war der „Ostblock“ im Bienroder Alltag längst angekommen und hatte die Feuerwehr in Atem gehalten – aber auf ganz unerwartete Weise. Sowjetische Lastwagen waren häufig im Bienroder Gewerbegebiet unterwegs. 1981 kam es zu zwei spektakulären Unfällen: „Fahrer übersah das Warnsignal. Sattelzug prallte gegen Triebwagen“ titelte die Braunschweiger Zeitung am 9. November 1981: „Zum dritten Mal in diesem Jahr ereignete sich auf dem Bahnübergang im Braunschweiger Stadtteil Bienrode ein schweres Unglück. Dabei wurden zehn Menschen verletzt, vier von ihnen schwer“. Ein aus Frankreich kommender sowjetischer Lastwagen-Fahrer hatte tiefgefrorene Rinderhälften geladen und das rote Warnsignal ignoriert. Bei Einsatz Nr. 06 war ebenfalls ein Lkw mit SU-Kennzeichen gegen einen Triebwagen gefahren, diesmal mit Schafskäse als Ladung: „‘Ich dachte, es sei irgendwo ein Haus explodiert‘, schilderte der nur 50 Meter vom Unglücksort wohnende Einsatzleiter der Freiwilligen Feuerwehr Bienrodes, Georg Spittel, seinen Eindruck. ‚Die Wände meines Hauses zitterten, die Scheiben schienen zu zerspringen.‘“, erzählte er dem Lokaljournalisten der BZ, der seinen Bericht süffisant abschloss: „Viele Bienroder Familien werden in den nächsten Wochen ungewöhnlich viel Schafskäse essen. Beim Zusammenprall war die gesamte Ladung des Lastzuges auf die Straße geschleudert worden. Viele Bienroder nutzten die Gelegenheit und griffen nach den glänzenden Käsebüchsen.“
Feiern, Reisen, „Ständchen“ – die Freiwillige Feuerwehr als Kulturorganisation
Feiern und Feste besitzen im Leben einer Feuerwehr einen hohen kulturellen Wert, denn auch in der ehrenamtlichen Brandschutz-Genossenschaft galt die Devise: „Dienst ist Dienst – Schnaps ist Schnaps“. Feiern bildeten die kulturelle Basis für den Zusammenhalt einer ausgesprochenen Männergesellschaft, die sich zu bestimmten Anlässen für Frauen, Freunde und Kinder öffnen durfte und dennoch bestimmte kulturelle Konventionen wahrte. Dies lässt sich aus den vielen Stellen des Feuerwehr-Protokollbuchs erschließen, in denen sich die Mitgliederversammlung mit dem Thema „Feste und Feiern“ beschäftigte. Das Thema umfasst eine Bandbreite, die von touristischen Tagesreisen, „Kameradschaftsabenden“, „geselligen Beisammensein“, „Wintervergnügen“ bis zu Hochzeitsständchen, Abordnungen zu Stiftungsfesten anderer Wehren reichte. Es ging dabei um Bier, Kaffee, Schnaps, Musikkapellen, Kindertanz und Parodie – und um Formen, Uniformen und geschlechterspezifische Formen des Feierns. Die Feuerwehr Bienrode zeigte sich bei diesen Anlässen in Partylaune.
„Mädel, kennst du einen kleinen Feuerlöscher, ja, dann übe viel Rücksicht, denn er tut nur seine Pflicht. (Kehrreim:) Kehrt er nicht vom Einsatz zurück,/ Mädel weine nicht länger drum,/ denn er fiel beim Löschen um.“[i]
So lautet ein Liedtext aus dem Archiv der Feuerwehr Bienrode, dessen Herkunft und Urheberschaft unklar ist. Er parodiert das militärische Heldenpathos, das in Feuerwehr-Liedern zu finden ist, und schreibt es um auf den Alkoholkonsum von Feuerwehrleuten. Im Lied wird unter den Bedingungen des familiären Geschlechterkampfes um Nachsicht bei Ehefrauen oder Partnerinnen geworben, wenn ein Feuerwehrmann seinen „Brand“ an der Biertheke gelöscht hatte.
Die Feuerwehr war seit ihrem Beginn als geschlossene Formation ein Teil der offiziellen dörflichen Festgemeinschaft, wie der Besuch des Regenten im Jahr 1912 zeigte. Ebenso organisierte sie in unterschiedlicher Weise kulturelle „Events“, die je nach Anlass für Mitglieder, Verwandte und Bekannte geöffnet waren. Da sich im dörflichen Netzwerk vieles durch verschiedene Zugehörigkeiten überschnitt, kam ein Teil der Dorfgesellschaft bei diesen Gelegenheiten zusammen. Zumal die Orte des Feierns – die Gastwirtschaften „Schuntertal“ (Otte/Bertram) und „Lindenhof“ (Meseke) im Ort – zugleich die Versammlungsheimat vieler dörflicher Gruppen bildete.
1937 wurde im Protokollbuch ein bedeutendes Ereignis im Jahresablauf der Bienroder Feuerwehr notiert: „Unter Verschiedenes wurde über das Wintervergnügen gesprochen. Dieses sollte ein alljährlich Ende Januar oder Anfang Februar 38. stattfinden.“[ii] Wobei bei der Organisation dieser Feier der für diese Zeit typische rigide Regelungston herrschte: „Die Angelegenheiten betreff des Vergnügens bleiben wie im vorigen Jahr. Wer von den Mitgliedern bis 3.05 Uhr nicht im Lokal erschienen ist, muß 3. RM Strafe bezahlen, derjenige wer gar nicht erscheint, bezahlt 2 RM.“[iii] Auch die Abordnung zur Feier der Freiwilligen Feuerwehr Abbesbüttel wurde zur Pflicht erklärt. Am 28. Januar 1939 wurde das letzte „Wintervergnügen“ vor Kriegsbeginn veranstaltet.
Nach der kargen Nachkriegszeit ist in den Protokolleinträgen erst 1951 wieder vom Feiern die Rede: Zunächst stand die nachgeholte Feier zum 75-jährigen Jubiläum im Vordergrund, die von einem Festausschuss organisiert wurde und bei dem ein „Kindertanz“ dazu gehörte: „Verlesung der Festausschußsitzung. Es wurden keine größeren Einwendungen erhoben. Lediglich wurde Willi Lüders mit zum Kindertanz als Ordner bestimmt.“[iv] Das „Wintervergnügen“ bildete somit eine Konstante, an die nach dem Krieg wieder angeknüpft wurde: „Vorgeschlagen wurde die Kapelle der frw. Feuerwehr Wenden. Das Vergnügen findet beim Gastwirt Richard Meseke statt. Jedes Mitglied ist berechtigt, ein Paar einzuladen.“[v] Und es gab den Beschluss, für die Uniformen Rangabzeichen zu bestellen. Auch wurden GEMA-Gebühren in Höhe von 7,97 D-Mark fällig.[vi] Für die Organisation wurde jedes Jahr ein „Festausschuss“ bestimmt. Als Ort des Wintervergnügens 1955 wurde das Gasthaus Bertram festgelegt. Die Aufsicht beim Kindertanz von 15 bis 18 Uhr übernahmen vier Wehrmitglieder, für die Musik wurde die Feuerwehrkapelle Wenden engagiert: „Einladungen zum Vergnügen erfolgen nicht, wer kommt (,) ist angenehm. Jedoch nur Ehepaare. Die Zeche wird wie immer auf alle Teilnehmer umgelegt. Jedes Feuerwehrmitglied bezahlt 5 DM im Voraus. Die Gelder der Strafkasse werden nicht mit zum Vergnügen verwendet.“[vii]
1956 kam es zu einer Neuerung: „Als Tanzkapelle wurden die ‚Optimisten‘ aus Braunschweig verpflichtet. Diese spielen am Nachmittag mit 2 Mann und abends mit 5 Mann. Sie fordern ca. 150 DM Im Übrigen wird alles wie im letzten Jahr gehandelt.“[viii] Dass die Feiern mit den Jahren teurer und aufwendiger wurden, lässt sich an den Preiskalkulationen ablesen. Für das „Wintervergnügen“ 1959 wurden 7 D-Mark erhoben, fünf Musiker wurden engagiert. „Nachmittags zum Kindertanz wird wie alljährlich die Bio-Trio-Kapelle spielen.“[ix] Die Rituale – nachmittags das Vergnügen für Kinder, abends für die Erwachsenen und Verheirateten – blieben beständig. Kleine Änderungen ergaben sich, wenn Mitglieder gesucht wurden, die die Musiker nach dem Kindertanz zum Abendessen mit nach Hause nehmen sollten, damit diese gestärkt bis zum frühen Morgen durchspielen konnten.[x]
Im Jahr 1961 gab es Neuerungen, die in diesem starren Organisationsrahmen als kleine Kultur-Revolutionen interpretiert werden können: „Beim Kindertanzen sollen kleine Spiele gemacht werden, und am Schluss soll ein Umzug mit Lampions stattfinden. Die Wegesicherung soll die Wehr übernehmen. Verantwortlich für das Kindertanzen sind die Kameraden Drewes, Rademacher, Kögel, Bernhardt / Am Abend soll Bier und Erdbeer-Bowle ausgeschenkt werden. Musiker nehmen mit zum Abendbrot die Kameraden Albrecht, Winter, Meyer und Otte.“[xi] Spiele, Lampionumzug und Erdbeer-Bowle – insbesondere „Erdbeerbowle“ war ein Modegetränk des „Wirtschaftswunders“ und galt als äußerst weibliches Getränk in Zeiten, in denen Getränke männlich und weiblich verortet wurden. Es sei wohl auf Wunsch der Ehefrauen auf die Getränkeliste gekommen, so erklärte Ruth Bernhardt, Witwe des verstorbenen Ortsbrandmeisters Horst Bernhardt, die Notiz des Protokollbuches. Eine Abschlussrechnung des Wintervergnügens 1962 bilanzierte: 621,44 wurden ausgegeben, pro Paar mussten 14,50 D-Mark bezahlt werden. Die Musik kostete 180 D-Mark, die Süßigkeiten zum Kindertanz 15 D-Mark, aus der Strafkasse wurden 33,50 D-Mark für die Getränke bewilligt. Musik, Tanz, Spiele, Lampion-Umzüge und Süßigkeiten – die Konsumgesellschaft der 1960er Jahre hatte sich in der Feuerwehr Bienrode im bescheidenen Rahmen etabliert. Und es gab finanzielle Entlastungen zu verkünden: „Beim Wintervergnügen braucht keine Gema mehr bezahlt werden, da für geschlossene Feuerwehrvergnügen eine pauschale Summe bezahlt wird.“[xii]
Abseits des alljährlichen „Wintervergnügens“ wurde 1956 ein „Kameradschaftsabend“ veranstaltet, bei dem „Die Optimisten“ erneut für positive Stimmung sorgten und ein Essen für 3 D-Mark gereicht wurde. „Aus der Kasse werden ca. 50 Ltr. Bier bezahlt. Die Strafkasse soll für Kaffee und Likör verbraucht werden.“[xiii] Beim „Kameradschaftsabend“ handelte es sich offenbar um eine 80-Jahr-Feier im geschlossenen Rahmen mit Musik, Getränken und Essen, der auch für die Ehefrauen der Feuerwehrleute geöffnet war. Dass die „Strafkasse“ für den „Kameradschaftsabend“ zur Finanzierung geöffnet wurde, im Gegensatz zum Wintervergnügen, deutet den geschlossenen Charakter dieser Feier an.
Während der Tanz beim Wintervergnügen das Zusammenkommen der Geschlechter betonte, war das kulturelle Repertoire von rein männlichen Feierformen äußerst soldatisch und national geprägt, mit Anklängen an die im Krieg beschworene „Frontgemeinschaft“, wie ein im Bienroder Feuerwehr-Archiv befindliche Text eines Feuerwehrliedes zeigt: „Es ist im deutschen Vaterland,/ ein blaues Ehrenkleid bekannt./ Der Wehrmann trägt es Gott zur Ehr/ und seinem Nächsten jederzeit zur Wehr/ Einer für alle heißt’s Panier,/ alle für einen kämpfen wir./ das Band, das uns zusammengeschweißt,/ ist echter deutscher Kameradengeist.“ Dass das Beschwören von heldenhaften, männlich-aggressiven Idealen einer „Kameradschaft im blauen Ehrenkleid“ in den 1960er Jahren nicht mehr der Realität standhielt und den zunehmend individuellen Lebensstilen allenfalls idealisierend entgegenwirken konnte, beweisen die Protokolle der Feuerwehrversammlungen. Letztlich fielen sie dem Humor zum Opfer, wenn männlicher Heldenmut allenfalls als Stoff für einen „kleinen Feuerlöscher“ taugte.
[i] Feuerwehrarchiv Feuerwehr Bienrode, Hefter 100 Jahre FF. Bienrode, 110 Jahre FF. Bienrode, Sonstiges
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. November 1937
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 15. Januar 1938
[iv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 21. April 1951
[v] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 8. Dezember 1951
[vi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. August 1952
[vii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. Dezember 1954
[viii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. Januar 1956
[ix] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Dezember 1958
[x] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 3. Dezember 1960
[xi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. Januar 1961
[xii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. Januar 1962
[xiii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. Juni 1956
Anders als bei den tradierten Formen früherer Dorfgeselligkeiten und den überlieferten Konventionen repräsentativer Auftritte griff die Feuerwehr als dörfliche „Kulturorganisation“ ein ausgesprochen modernes Phänomen auf: den Tages-Tourismus und die Reise-Erholung. Mit dem Fortschreiten der Industriegesellschaft war dieses für weitere Bevölkerungsteile möglich geworden, da Reisen und Erholung bezahlbar und beliebt wurden. Damit wurde die Möglichkeit, das Alltags- und Arbeitsleben für kurze Zeit zu verlassen und die Fremde als Erholungswert genießen zu können, gesellschaftlich akzeptiert.[i] Auch dabei lassen sich aus den Protokollnotizen Tendenzen erkennen, wie Grenzen allmählich verschoben wurden.
Im Protokoll vom 5. Juni 1937 eröffnete Brandmeister Neddermeier die Versammlung und verlas eine „Verfügung des Landesfeuerwehrverbandes“: „Die Benutzung des Feuerwehrerholungsheimes in Bad Harzburg wurde empfohlen.“[ii] 1927 wurde das „Braunschweigische Landesfeuerwehr-Erholungsheim“ nach Vorschlägen des Braunschweiger Branddirektors Fritz Lehmann aus dem Jahr 1912 eingeweiht.[iii] Ob auf diese Empfehlung eine Nachfrage nachfolgte, ist nicht bekannt.
Umso beliebter waren Tagesreisen, für die es aus dem Jahr 1938 Belege gibt. Bei diesem Angebot orientierte sich Feuerwehr Bienrode offensichtlich an den vom Regime offerierten touristischen Freizeitangeboten der Organisation „Kraft durch Freude“, die nach mündlicher Überlieferung auch bei den Bewohnern in Bienrode Anklang fanden.[iv] Vorbild für den „Kraft durch Freude“-Tourismus fanden sich im italienischen Faschismus.[v] Die KdF-Organisation gehörte zur Einheitsgewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“, die sich aus dem beschlagnahmten Vermögen der zuvor zerschlagenen Gewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund DGB speiste. Dass die von der Feuerwehr Bienrode 1938 organisierte „Vergnügungsreise“ einer „Wesertour“ als Pflichtveranstaltung für die Ehepaare ausgegeben wurde, zeigt, dass selbst gemeinschaftliches Vergnügen mit den Zwängen der „Volksgemeinschaft“ ausgestattet werden konnten. Auch dazu ist keine Resonanz oder Auswertung überliefert, aber ein Preis: Sie kostete 7,50 Reichsmark pro Person.[vi] Im Jahr darauf wurde im März 1939 Hamburg als Ziel einer „Sommerreise“ vorgeschlagen.[vii] Dies ging der Bienroder Feuerwehr offenbar zu weit. Im Mai legte der „Reiseplan“ fest: „Das endgültige Reiseziel ist das Harzer Bodetal.“[viii] Im Juli 1939 stand fest: „Die Teilnehmerzahl beträgt 58 Stück. Der Preis kostet pro Kopf 6,50 RM. Abfahrt: Bienrode 7.00 Uhr.“[ix]
Auch an diese Neuerung wurde in den 1950er Jahren schnell wieder angeknüpft: Am 3. Mai 1952 wurde eine „Fahrt zur Weser“ im Juli vorgeschlagen. Für August enthält das Protokoll eine Rückschau: „Dann wurde das Gute + Schlechte der diesjährigen Weserfahrt besprochen. Es wurde angesetzt, die 50.00 DM der Dampferfahrt für die Busfahrt auszunutzen. Bis auf einige Kleinigkeiten gefiel diese Fahrt jedermann.“[x] Im Jahr darauf kam der Vorschlag auf, den touristischen Radius auszuweiten: „Kam. Horst Weiß erwähnte eine Rheinfahrt, welche aber aus der mangelnden Zeit nicht durchführbar ist. Auch in diesem Sommer wollen wir wieder eine Weserfahrt unternehmen. Dieselbe soll noch großzügiger durchgeführt werden. Als Reiseleiter wurden Willi Lühr + Hubert Mingers vorgeschlagen + bestimmt. 5ter Juli 53“[xi] In den folgenden Jahren erscheint in den Protokollen keine Notiz zum Thema „Sommerreise“. 1958 taucht das Thema wieder auf und die Organisation unter dem neuen Brandmeister Gerhard Borchers orientiert sich deutlich am veränderten Konsumverhalten der Wirtschaftswunder-Gesellschaft: „Bei Abstimmung war die Mehrheit für eine Fahrt, die auf sonnabends festgesetzt wurde. Ziel der Fahrt wird nach Einholung der Reiseprospekte ausgewählt und in der nächsten Versammlung besprochen.“[xii] In der darauffolgenden Versammlung stand die „Fahrt ins Blaue“ im Mittelpunkt der Gespräche, die dann von einem „Reise-Ausschuß“ geplant werden sollte: „Wehrführer Borchers hat einige Prospekte eingeholt, worüber am Abend diskutiert wurde. In Anregung wurde eine Weser- und eine Hamburgfahrt gebracht. Die Abstimmung ergab ein Ergebnis von 4:13. Die Kameraden Walter Wilke und Albert Meyer sollen einen Reise-Ausschuß bilden und die Fahrt mit der Reisegesellschaft noch besser ausarbeiten.“[xiii] Im Juni 1958 stand das Programm mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt: „Abfahrt nach Hamburg 5 Uhr, sonnabends 16. August. Besichtigt werden sollen: 1. Hafenrundfahrt 2. Hagenbeck 3. Planten u. Bloom. Abfahrt aus Hamburg, 22 Uhr.“[xiv] Im Jahr darauf wurde eine Reise nach Bad Pyrmont geplant, wobei sich die Versammlung entscheiden musste: „Zwischen einer Fahrt und einem Kameradschaftsabend entschied sich die Mehrheit der Kameraden für eine Fahrt, die vielleicht am Sonnabend, dem 18. Juli nach Bad Pyrmont stattfinden soll. Der Wehrführer wird sich hierüber mit dem Reisebüro Müller in Verbindung setzen.“[xv] Im Juni 1953 stand der Reiseplan fest: „Für unsere diesjährige Fahrt nach Pyrmont wurde ein Bus bestellt für ca. 43 Personen. Die Kosten sollen sich auf 320 DM belaufen. Kamerad Meyer wurde zum Organisator ernannt.“[xvi] Das Protokollbuch erstreckt sich bis zum Jahresende 1962. Die Tagesreise nach Bad Pyrmont war offenbar das touristische Gemeinschaftsereignis der Feuerwehr in dieser Zeit. Warum ist unklar. Als Grund dafür ist das Fortschreiten des individuellen Urlaubs denkbar, der sich nun im Familienrahmen vollzog und wenig Raum für Fahrten der Feuerwehr gab. Die konzentrierte sich auf das alljährliche „Wintervergnügen“. Deutlich wird zugleich an der Vielzahl der Protokolleinträge und dem Planungsaufwand, dass Reisen im Gemeinschaftsleben der Feuerwehr ein wichtiges Ereignis darstellten. Im Gegensatz zu den befohlenen Vergnügungen der NS-Zeit wurde diese nach dem Krieg nach demokratischen Regeln über Vorschläge, Abstimmungen, Mehrheiten und Organisation angegangen.
[i] Wolfgang Kaschuba: Die Überwindung der Distanz. Zeit und Raum in der europäischen Moderne. S. 206ff..
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Juni 1937
[iii] Geschichte zum Haus Florian, für die Informationen aus der Chronik „150 Jahre Landesfeuerwehrverband Niedersachsen“ genutzt worden sind. Siehe. www.haus-florian.eu
[iv] Mündlicher Hinweis von Ingeborg Neugebauer, die von den KdF-Tagesfahrten ihrer Eltern Artur und Grete Winter berichtete.
[v] Reichel: 1996, S. 232ff.
[vi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. Juni 1938
[vii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 4. März 1939
[viii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. Mai 1939
[ix] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 1. Juli 1939
[x] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. August 1952
[xi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, Generalversammlung 28. März 1953
[xii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, Generalversammlung 5. April 1958
[xiii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 3. Mai 1958
[xiv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 7. Juni 1958
[xv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. Mai 1959
[xvi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. Juni 1959
Eine hohe symbolische Bedeutung in den Aktivitäten der Feuerwehr als Verein mit offiziellem Auftrag stellt bis heute die offizielle Repräsentation dar, die bei Jubiläen, Stiftungsfesten, bei Gedenkveranstaltungen und privaten festlichen Anlässen Teil einer vergnüglichen „Pflicht“ sein konnte. Sie bezieht sich zum einen auf Mitglieder, die als Botschafter der Wehr zusammen mit einer Musikkapelle bei privaten festlichen Anlässen die Zugehörigkeit zur Feuerwehr und die Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit zu unterstreichen. Das gilt auch für traurige Anlässe zur Beerdigung von verdienten oder langjährigen Feuerwehrmitgliedern. Zum anderen ist Repräsentation als unausgesprochene, d.h. sozial vereinbarte „Pflicht“ auf andere, meist benachbarte Feuerwehren gerichtet, um den partnerschaftlichen Charakter eines Selbsthilfe-Netzwerkes zu unterstreichen. Die Repräsentation in Feuerwehr-Uniform durch Abordnungen, Spenden, Geschenke, Vorträge, Grußworte oder „Ständchen“ stellen somit einen wesentlichen identitätsstiftenden Bestandteil in der symbolischen Kommunikation von Feuerwehren und dörflichen Vereinen untereinander dar.
Das Gedenken an verstorbene Feuerwehrleute folgt bestimmten kulturgeschichtlichen Entwicklungen. Stellt die „stille Gedenkminute“ in vielen Vereinen eine kurze rituelle Form des gemeinsamen Gedenkens nach der Eröffnung einer Versammlung dar, besitzt eine Abordnung zu einem Begräbnis einen wesentlich höheren symbolischen Wert in der dörflichen Öffentlichkeit. Wenn uniformierte Feuerwehrmitglieder als Sargträger mit Stahlhelm den Toten zur Grabstätte bringen, wird dadurch ein privates Ereignis im Rahmen der örtlichen Trauerzeremonie auf die Ebene einer offiziellen Ehrung und Trauer mit Bedeutung für die Gemeinschaft erhoben. Und durch die militärische Form mit Uniformen und Helmen bekommt diese Zeremonie einen außerzivilen Ausdruck.
Das war in den 1950er Jahren nicht unproblematisch. Nach dem verlorenen Krieg gab es ein alliiertes Verbot für Waffen bei Schützenfesten, an deren Stelle in Bienrode für kurze Zeit das Fahnenjagen trat. Die Feuerwehren als uniformierte Einheiten besaßen einen Ausnahmestatus: Zur 75-Jahr-Feier im Jahr 1951 zeigt ein Foto die Feuerwehrleute auf dem Anhänger von Willi Cordes mit den in der Wehrmacht gebräuchlich gewesenen Stahlhelmen. 1955 bekam Malermeister Max Drewes den Auftrag, sämtliche Helme zu streichen.[i] 1958 gab es in der Mitgliederversammlung die Anordnung: „Bei in Zukunft stattfindenden Begräbnissen von Feuerwehrkameraden sollen die Träger einen Stahlhelm tragen.“[ii] Es ist denkbar, dass diese Forderung mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1955 verbunden war. Ein halbes Jahr später gab es einen prominenten Todesfall in Bienrode: Der Vater von Gerhard Borchers war gestorben. In der Versammlung vom Januar 1959 wurde beschlossen: „Für die Beerdigung des Kameraden Franz Borchers werden als Träger in Stahlhelm die Kameraden Hans Rademacher, Horst Weiß, Walter Wilke, Karl Kroll, Ewald Johannes und Reinhold Meyer ernannt. Die gesamte Wehr hat zu erscheinen.“[iii] 1960 gab es einen Grundsatzbeschluss für die Teilnahme der Bienroder Feuerwehr an Begräbnissen: „Ferner wurde beschlossen, Feuerwehrkameraden, die 20 Jahre in der Wehr tätig waren und dann ausgetreten sind, zu Grabe zu tragen.“[iv]
Eine angenehme „Pflicht“ in der Feuerwehr war dagegen das „Ständchen“ als gesungene und gesprochene Wertschätzung. „Ständchen“ als fester Bestandteil der höfischen und bürgerlichen Musikkultur hatten sich im 19. Jahrhundert als Form der musikalisch-symbolischen Wertschätzung im Dörflichen etabliert und wurden trotz der Dominanz der neuen Massenmedien weit in die 1950er Jahre als gelebte Tradition praktiziert. Die Feuerwehr gab in der Zeit von 1952 bis 1962 mehrere „Ständchen“ zu privaten Festen: „Zur Goldenen Hochzeit unseres Ehrenmitgliedes Will. Sparkuhl am Freitag, 14. Nov. versammeln wir uns mit der Kapelle von Wenden beim Kam. Mesecke zum Ständchen.“[v] Eine Protokollnotiz nach der Hochzeit von Horst Bernhardt im Mai 1954 gibt die Abläufe dieser Repräsentationsarbeit wieder, die einem fester Konvention entsprachen: „Die Wehr traf sich am 8. Mai, um den Kameraden Horst Bernhardt zu seiner Vermählung die Glückwünsche der Feuerwehr zu überbringen. Der Wehrführer hatte außerdem die Feuerwehrkapelle Wenden verpflichtet. Kamerad Bernhardt dankte für das gebrachte Ständchen und lud sie zu einem gemütlichen Beisammensein im Gasthaus Mesecke ein.“[vi] Und nach der Juni-Versammlung hielt Schriftführer Heinz Glindemann fest: „Anschließend (nach der Begrüßung) sprach der Wehrführer dem Kameraden Horst Bernhardt für die von ihm aus Anlaß seiner Vermählung der Wehr gespendeten Getränke den Dank der Kameraden aus.“[vii]
In den Protokollen werden die „Ständchen“ sorgsam vermerkt, die auf Silberhochzeiten von Mitgliedern (z.B. 1954: Wilhelm Schulze. 1955: Gustav Grünhagen, Wilhelm Lühr, Hermann Schaper; 1960 Max Drewes; 1961: Otto Schaper) oder Hochzeiten gegeben wurden. Auch wenn „Ständchen“ als ritualisierte Form der Wertschätzung im sozialen Verkehr einer Feuerwehr fest verankert waren, gab es doch Diskussionen darüber und Klarstellungen dazu. Im April 1960 ging es um die Finanzierung: „Kam. Albert Meyer stellt zum Antrag, daß bei Hochzeiten und Jubiläen keine Getränke aus der Strafkasse genommen werden sollen. Dafür sollen bei Schwierigkeiten Umlagen gemacht werden. Nach Prüfung wurde der Antrag angenommen.“[viii] Am 2. Dezember 1961 wurde noch mal die Bedeutung des „Ständchens“ als soziale Selbstverständlichkeit betont: „Es wurde einstimmig beschlossen, dass bei Hochzeiten von Feuerwehrkameraden immer ein Ständchen mit der Kapelle gebracht werden soll. Ausnahmen werden nur bei Trauerfällen gemacht. Am 8.12.1961 versammelt sich die gesamte Wehr bei Kamerad Bewig, um unserem Feuerwehrkameraden Hans H. Gieseke ein Ständchen zu seiner Hochzeit zu bringen.“[ix]
Besaßen die „Ständchen“ als meist musikalische Botschaften eine hohe soziale Bedeutung in der Binnen-Kommunikation einer Feuerwehr, so drückt sich in den Besuchen bei anderen Wehren zu Jubiläen und Stiftungsfesten formell die enge Verbundenheit im Netzwerk dörflicher Feuerwehren aus. In den 1950er Jahren wurden mehrere Jubiläen und „Stiftungsfeste“ gefeiert. Dabei bildete das Jahr 1954 einen besonderen Schwerpunkt. Die Bienroder Feuerwehr erhielt Einladungen zu den 80-jährigen „Stiftungsfesten“ in Thune (11. Juli 1954), Waggum (18. Juli 1954) und Veltenhof (22. August 1954), dazu kamen Grassel, Bevenrode und Abbesbüttel. Der Austausch mit den benachbarten Wehren hatte einen hohen symbolischen Wert: „Mit dem Wunsch, dass alle Kameraden am Feuerwehrfest in Veltenhof teilnehmen, schloss der Wehrführer um 21:40 Uhr die von 19 Kameraden besuchte Veranstaltung.“[x] Auch wenn die Teilnahme an Feuerwehrfesten eine „vergnügliche“ Pflicht sein konnte, wurde 1959 festgestellt, dass dies nicht zu Lasten der Mannschaftskasse gehen dürfe: „Es wurde beschlossen, daß sämtliche Mitglieder die Unkosten bei auswärtigen Veranstaltungen übernehmen müssen.“ Für Übungen wurden indes viele Ausnahmen gemacht.
Die Organisation eines Jubiläums brachte indes viel zusätzliche Arbeit, wie das 100-jährige Jubiläum der Feuerwehr Bienrode 1974 zeigt.[xi] Die Planung bekamen im Herbst 1973 schriftliche Gestalt mit einem Schreiben von Gemeindebrandmeister Gerhard Borchers an den Landkreis (30.10.1973) und einer offiziellen Einladung an die Feuerwehren Bevenrode, Querum, Rühme, Veltenhof, Abbesbüttel, Essenrode, Rüningen, Waggum, Wenden, Thune, Harxbüttel, Bechtsbüttel, Riddagshausen, Grassel, Lamme, Volkmarode und Hondelage, die am Jahreswechsel 1973/1974 herausgingen. Alle eingeladenen Wehren befanden sich schließlich in der Aufstellung des Festumzuges am Haupttag des Jubiläums, dem Sonntag, 12. Mai 1974. Die Strecke für den Festumzug verlief in einem großen Karree vom Feuerwehrgerätehaus über die Waggumer Straße, Hauptstraße, den Anger, den Wilhelm-Raabe-Weg zum Festplatz an der Industriestraße. An der Spitze des Zuges sorgte der Spielmannszug Sandwüste für Marschmusik, gefolgt von den Abordnungen der Wehren. Am Ende nach den Wehren folgten die örtlichen Vereine Jugendrotkreuz, Geflügelzüchterverein, DLRG Bienrode, Kleingärtnerverein, Singkreis Bienrode, VfL Bienrode und zum Abschluss die Feuerwehr Bienrode. Der Festmarsch hatte neben dem Unterhaltungs- und Erlebniswert für die Zuschauenden auch einen hohen symbolischen Wert, weil er zu den seltenen Gelegenheiten gehörte, für die die vielbefahrene Hauptstraße gesperrt wurde. Und die Länge des Zuges stellte die Akzeptanz der Bienroder Feuerwehr unter den benachbarten Wehren und somit ihre Bedeutung in der Öffentlichkeit unter Beweis. Die Länge dieses Zuges war eine symbolische Währung für die Bedeutung der Feuerwehr in der Dorfgesellschaft und nach außen.
[i] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. Juli 1955
[ii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Juli 1958
[iii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 3. Januar 1959
[iv] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 6. August 1960
[v] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 8.12.1952
[vi] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, Zusatz zum Protokoll der Generalversammlung, 3. April 1954
[vii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 5. Juni 1954
[viii] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. April 1960
[ix] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 2. Dezember 1961
[x] Protokollbuch Feuerwehr Bienrode, 14. August 1954
[xi] Im Feuerwehr-Archiv liegen die Planungs- und Ablaufunterlagen für das Jubiläum vor.
Der Großteil der ehrenamtlichen „Arbeit“ der Feuerwehr Bienrode war bis vor einigen Jahren eine reine Männersache. Frauen waren in dieser uniformierten Männergesellschaft von vielen Aktivitäten wie Mitgliederversammlungen, Übungen, Gerätepflege, Schulungen und anderen „männlichen“ Tätigkeiten ausgeschlossen. In der Gesellschaft traten sie als Ehepartner beim Wintervergnügen oder als Reisebegleitung in Erscheinung. Dennoch blieben sie als Eheleute keineswegs vom Feuerwehrleben ausgeschlossen, da dieses innerhalb der Familie eine Rolle spielen und – wie das Beispiel „Erdbeerbowle“ zeigt – auch Einfluss nehmen konnte. Dass die Ehefrauen und Partnerinnen das äußerst Männerbündische der Feuerwehr im Laufe der Jahre mit Humor zu tragen wussten, zeigen die Auftritte der „Ersatzfeuerwehr“. Die Frauen machten sich einen Spaß daraus, dass sehr Ernste, Organisatorische, Pflichtbetonte bei ihren Auftritten des traditionellen Feuerwehr-Festes auf weibliche Art zu persiflieren. Bei festlichen Umzügen gingen sie in Feuerwehr-Uniformen mit hochgekrempelten Hosen und signalroten Strümpfen mit und schoben in roten Kinderwagen Ausrüstungsgegenstände wie Absperrungsbaken vor sich her oder zogen Handwagen mit Schläuchen oder Handfeuerlöschern hinter sich her. In dieser Form beteiligten sie sich zudem durch Gesänge und Texte an den Feiern im Festzelt oder auf dem Saal im „Bienroder Krug“.
In den Texten, die die Frauen um Ruth Bernhard gemeinsam erarbeiteten, persiflierten sie die „Arbeit“ der Männer, wenn diese zum „blinden Alarm“ ausrückten, wie ein undatiertes Manuskript aus dem Feuerwehr-Archiv zeigt:
„In Bienrode, an der Schunter, war die Aufregung groß, die Sirene, die heulte, unsere Männer mussten los! / Schnell aus dem Bette, es war mollig und warm,/ doch später, da stellt sich raus, war blinder Alarm./ Wir alle schauten, ganz ängstlich umher, ob denn der Brandherd in Bienrode wohl wär‘/ Doch sehr bald erfuhren wir, es wurde tüchtig gelöscht, beim Matze in der Stube, denn sein Bier war nicht schlecht!“[i]
Die „Löscharbeit“ an der Theke von Gastwirt „Matze“ Bewig spiegelt den ironischen Umgang mit dem männlichen Alkoholkonsum von Feuerwehrleuten wider, der im Lied vom „kleinen Feuerlöscher“ eine Rolle spielte. Bei den musikalischen Persiflagen war das Auftreten der Frauen ebenso von Bedeutung. Dies konnte in den 1970er Jahren eine durchaus frivol-provokante Note bekommen, wenn die Frauen in Miniröcken auf dem Saal ihre Vorträge hielten, wie private Fotos zeigen. Auch diese Form der weiblichen Satire brachte die Verbundenheit mit der Feuerwehr zum Ausdruck – umso mehr, wenn sie im Rahmen eines vergnüglichen Festes in Gedichten, Liedern, Uniformjacke, Schiffchen und Minirock überbracht wurden.
[i] Feuer und Wasserstrahl. Manuskript. In: Feuerwehrarchiv Feuerwehr Bienrode, Hefter 100 Jahre FF. Bienrode, 110 Jahre FF. Bienrode, Sonstiges
1984 wurde die Feuerwehr Bienrode 110 Jahre alt. Auf dem Weg von 1874 bis 1984 spiegelte sie im Innern stets die gesellschaftlichen Veränderungen um sie herum wider. Sie organisierte ihr Vorgehen nach militärischen Mustern, repräsentierte als Brandschutztruppe die geltende Ordnung der Kaiserzeit, unterwarf sich dem NS-Ordnungsstaat und begegnete den Folgen des Krieges. Sie erlebte nach dem Krieg einen Wandel der Werte und musste auf gesellschaftliche Ansprüche reagieren, die nicht genügend mit Geld für Ausrüstung, Ausbildung hinterlegt waren. Sie musste Lösungen finden und mit Einfallsreichtum und Engagement materielle und personelle Mängel ausgleichen.
In den Unterlagen zur Feuerwehr Bienrode ist vielfach von zu wenig Geld und Zeit die Rede. Dagegen sind die zeitlichen Ansprüche an das einzelne Feuerwehrmitglied stetig gewachsen, auf ehrenamtlicher Basis ein Brandschutzsystem zu gewährleisten, das aus einem hohen Maß an stiller, unsichtbarer Arbeit besteht, um im entscheidenden Moment voll einsatzfähig zu sein. Zugenommen hat der Druck, technisch auf dem neuesten Stand zu sein, sich fortlaufend zu schulen, Wissen im Umgang mit neuen Gerätschaften und über Einsatztaktiken zu erwerben und durch Übungen zu vertiefen. Dies sind unabdingbare Voraussetzungen, um die kompliziertere, aufwendigere und teurere Technik gezielt einsetzen zu können und sie als anvertrautes Material entsprechend zu pflegen.
Dieses Engagement ist von der Gesellschaft geprägt worden, die sich in mehr als 150 Jahren von einer landwirtschaftlichen, dann industriellen und schließlich verstärkt zur Gesellschaft der Dienstleistungen entwickelt hat. Das fachliche Wissen, das damit in die Feuerwehr floss, hat enorm zugenommen. Und zugleich ist die Feuerwehr auf ihre wohl größte Herausforderung gestoßen: auf die sich entfaltende Freizeitgesellschaft. „Freizeit“ als möglichst zwanglose Ausgleichszeit zum stressigen Berufsalltag ist vor Jahrzehnten zum Eigenwert geworden, der die Feuerwehren bis heute entscheidend fordert.
Mediale Berichte sind vielfach auf spektakuläre Großeinsätze gerichtet: auf Autobahnunfälle, Großbrände oder Naturkatastrophen wie die Hochwassereinsätze im Winter 2023/24, bei denen freiwillige Feuerwehrleute ihre Freizeit opferten, um Menschen, Häuser und Güter zu retten, zu unterstützen und zu beschützen. Die eigentliche Arbeit erfolgt im Stillen. Und gerade dort hat die Feuerwehr weniger mit Bränden zu kämpfen, als mit dem Wunsch nach „individueller Freizeit“, das als Bedürfnis häufig außerhalb der Feuerwehr befriedigt wird. Dies bleibt die Herausforderung.
Der geschichtliche Blick auf eine Feuerwehr in ihren jeweiligen zeitlichen Epochen soll somit ein Nachdenken und Wertschätzen über das Gemeinwohl-Engagement von männlichen und weiblichen Feuerwehrleuten anregen – auch wenn diese Feuerwehrgeschichte vordergründig von einer reinen Männergesellschaft handelt.
Das Entstehen dieses Textes wäre ohne die Unterstützung vieler Menschen nicht möglich. Zuvorderst möchte ich die Offenheit der Feuerwehr Bienrode nennen, die bereitwillig ihr Archiv öffnete und auf vielerlei Weise die Recherche unterstützte. Ich danke Matthias Paliga, der sich abends und morgens nach Alarmeinsätzen und Sitzungen um helfende Hände und Köpfe kümmerte. Olaf Kolla hat durch seine Begeisterung, seine engagierte Hilfe, sein herausragendes Wissen um Technik und Innenleben der Bienroder Feuerwehr dieses Projekt wesentlich unterstützt. Ruth Bernhard, die Witwe des verstorbenen Ortsbrandmeisters, hat durch ihre Erinnerungen und Erzählungen zum Inhalt des Protokollbuches das Feuerwehrleben der 1950er- und 1960er-Jahre lebendig werden lassen. Dr. Andreas Linhardt hat mir durch sein Fachwissen wesentliche Einblicke verschafft und seine Quellensammlung zur Braunschweiger Luftschutzgeschichte zur Verfügung gestellt. Seine Ideen haben dem Projekt zu Beginn der Recherche eine entscheidende Richtung gegeben. Der Historiker Markus Gröchtemeier hat durch seinen Kenntnisreichtum auf dem Gebiet der Regionalgeschichte geholfen. Hartmut Nickel vom Stadtarchiv Braunschweig ist zu danken für seine vielen Hilfen bei der Suche nach Archivalien und diese zur Auswertung bereitzustellen.
Folgende Bestände aus den Dokumenten im Stadtarchiv wurden benutzt und zitiert: Einsatzberichte Rühme E 37 II 4.4; Übersicht Werksfeuerwehren E 37 II 4.8; Freiwillige Feuerwehr Ölper 1893-1936 E 37 IV Nr. 2; Ernennungen G VII 11 Nr. 25; Aus den Unterlagen der Gemeinde Bienrode wurden die Archivalien mit den Signaturen G VII 11 Nr. 6 (Ratsprotokolle u. verschiedene Ausschüsse); G VII 11 Nr. 5 (Protokollbuch); G VII 11 Nr. 4 (Niederschriften der Ratssitzungen 1964-1966); G VII 11 Nr. 7.2 (Protokolle der Ratssitzungen u. des Finanzausschusses Heft -2- 1969-1972); G VII Nr. 10 (Niederschriften: Bau- u. Planungsausschuß, Friedhofs- u. Gartenausschuß, Schulausschuß, Kultur- u. Jugendausschuß 1962-1972); G VII Nr. 9.1 (Protokolle Verwaltungsausschuß 1964-1968 Heft 1); G VII 11 Nr. 9.2 (Protokolle Verwaltungsausschuß Heft: 2 1969-1972).
Landesarchiv Wolfenbüttel: Brandversicherungskataster Bienrode NLA WO, 104 Alt, Nr. 430
